Der Glitzer ist längst aus dem Gesicht gewaschen. Die staubigen Schuhe stehen wieder ordentlich auf der Fußmatte im Flur. Der Speicher meines Handys quillt über vor Schnappschüssen, und doch fühlt es sich in meiner Brust an, als würde ich immer noch dort auf den holprigen Pflastersteinen stehen. Mitten im Hamburger Gängeviertel, umarmt von historischen Backsteinmauern, die für einen Nachmittag die Welt da draußen einfach ausgesperrt haben.
Danke dafür, dass ich für ein paar Stunden spüren durfte, wie sich eine friedliche, freie und solidarische Welt anfühlen könnte. Das Spektakel 2026 war ein Heilmittel für die Seele. Es war die beste Entscheidung des Sommers, dort hin zu gehen.
Eine Crowd wie eine Umarmung: Willkommen in der Gegenwelt
Schon nach wenigen Minuten im Viertel fiel der ganze Ballast der letzten Wochen von mir ab. Während sich draußen auf den Prachtboulevards die Masse an Sponsorenwagen vorbeischob, öffnete sich im Gängeviertel ein Schutzraum, der sich jeder stumpfen Verwertungslogik entzog.
Ich sah non-binäre Menschen, trans* Personen, Genderfluide, Drag Artists, Leder, Spitze, Bärte mit Lippenstift, zarte Sommerkleider zu schweren Springerstiefeln. Ich sah Menschen mit Gehhilfen, kleine Familien, alteingesessene Aktivist*innen und ganz junge Queers, die vielleicht gerade zittrig ihren allerersten Pride erlebten. Was diese bunte Menge verband, war eine fast greifbare Ehrfurcht voreinander.
Kein Bewertungsblick. Kein Gaffen. Keine Rechtfertigungen. Jede Person durfte schlicht und ergreifend sein. Ich habe mich selten auf einem Event so bedingungslos gemeint und aufgenommen gefühlt. Die Crowd war nicht bloß Publikum, sie war der eigentliche Kern dieses Tages: unglaublich supportive, aufmerksam und voller Liebe für alles, was sich auf der Bühne wagte.
Schlagfertiger Glanz und die Schönheit des Scheiterns
Dass dieser Nachmittag seine magische Dynamik entfalten konnte, lag auch an der Moderation. Mit Tina Abturner und Taser Film führten zwei Moderatüntchen der Schaar der Schäbigen durch das Programm. Wer dieses Hamburger Kollektiv kennt, weiß um die Mischung aus scharfem Witz, großer Gender-Performance, schäbigem Glanz und tiefgreifender Haltung. Sie hielten das Geschehen zusammen, fingen Stimmungen auf, wechselten mühelos zwischen absurdem Glamour und politischen Ansagen. Laut, liebevoll und ohne eine einzige gekünstelte Geste.
Fast pünktlich schaffte ich es zur Maybe Talent Show. Und was für eine wunderbare Idee das ist!
Das Konzept grenzt an ein Manifest: Menschen betreten eine Bühne, um Dinge zu präsentieren, in denen sie ausdrücklich schlecht oder einfach nur tiefst mittelmäßig sind. Zärtlich moderiert von den Drag-Quings Norman Müller-Schmitz und James Bonne d’Age wurde das Scheitern hier zur Kunstform erhoben. Wann haben wir als Gesellschaft eigentlich verlernt, Dinge einfach nur aus Freude zu tun?
Hier gab es tosenden Applaus für ungelenkes Ausprobieren, für pure Nutzlosigkeit im besten Sinne. Ein Haufen Liebe ohne Vorleistung. Niemand musste perfekt sein, mach einfach, wozu du Lust hast. Genau das sollten wir alle viel öfter im Leben machen.
Wenn Drag Geschichten erzählt und Grenzen sprengt
Was auf keinen Fall fehlen durfte, war eine richtige Drag Show. Die Performance der Kreuz Kleidenden hatte es gewaltig in sich. Abseits der immer wiederkehrenden Drag-Standard-Hits bekam man hier endlich völlig neue Sounds und Bilder geboten.
Hier wurde nicht stur ge-lipsynct, hier wurde Kunst geschaffen. Dramatisch, albern, morbide und wunderschön.
Gleich im Anschluss bewies das Berliner QueerBerg Collective, gegründet von Prince Emrah, wie drängend und bereichernd migrantische, trans* und refugee Perspektiven für unsere Kulturlandschaft sind. Dieses BIPoC-Kollektiv verknüpft Clubkultur, Drag und traditionelle Einflüsse zu einer Wucht an Sichtbarkeit.
Als Dalaa al-Sham die Bühne betrat, ging eine Welle der Wärme durch das Gängeviertel. Die syrisch-palästinensische trans Performerin verzauberte mit einer Mischung aus Bauchtanz, Femme-Power und einem strahlenden Lächeln. Sie machte deutlich, dass pure Lebensfreude in Zeiten der Ausgrenzung ein politischer Akt ist. Auch Drag King Beyefendi zog alle in den Bann: Kurdisches Charisma, Tanz und eine Eleganz, die noch lange nachhallte, genau wie der Song Wine me, Dine me.
KYNG: Ein Sturm zieht auf
Wer meine Artikel liest, weiß um meine Schwäche für KYNG. Ich liebe ihre Ästhetik, ihren Sound, ihren Mut. Doch selbst wenn ich die rosarote Brille komplett absetze und ganz objektiv bleibe, bleibt nur ein Urteil: Das war schlichtweg atemberaubend.
Für ihren erst fünften Live-Auftritt überhaupt und die Premiere auf einem Pride Event lieferte die Künstlerin ab wie ein alter Hase. Der Elektropop ging direkt in die Knochen, die Vocals saßen felsenfest, die Choreo mit ihren Tänzer*innen war auf den Punkt durchdacht. Und als mitten im Set ein Braid einer Tänzerin durch die Luft flog? Kein Zögern, kein Ausrutschen, nur ein kurzes, sympathisches Lächeln und weiter im Takt. Perfektion trifft auf Nahbarkeit. KYNG zieht ihre Inspiration aus Drag Culture und radikalem Selbstausdruck, und man spürt in jeder Faser: Diese Frau hat das Potenzial für eine riesige Karriere. Merkt euch diesen Namen, ihr werdet noch von ihr hören.
Wenig später machten No Direction den Sack zu. Lipsync als Comedy, als queere Geschichte, als Boyband-Satire. Ein riesiges, gemeinsames Augenzwinkern zwischen Bühne und Hof. Das war avantgardistische Subkultur in Reinform. Man hatte die ganze Zeit das Gefühl, einer intimen, neuen Session beizuwohnen. Alle, die nur dem Mainstream hinterherlaufen, haben an diesem Tag etwas gewaltig Großes verpasst.
Stille Utopien: Die Ausstellungen im Gängeviertel
Zwischen der lauten Bühnenenergie tat es gut, für ein paar Momente in die Ausstellungen einzutauchen und den Blick schärfen zu lassen.
In der Galerie LADØNS fing man in Veras Projekt »Glitzer im Regen« das ein, was in den gängigen Ausgrenzungsnarrativen oft untergeht: Queer Joy. Deren Arbeiten schaffen einen Raum voller Zuflucht und Zugehörigkeit. Es tut gut, Bilder zu sehen, die nicht von Schmerz erzählen, sondern von der heilenden Kraft der Gemeinschaft.
Ein paar Schritte weiter im Raum linksrechts wurde es intim und vielschichtig. Dimitrios Mavroudis' Arbeit »Darkrooms« verwebt auf faszinierende Weise die Dunkelkammer der analogen Fotografie mit dem queeren Darkroom als Ort anonymer Begegnung. Rotgetönte Bilder, Werkzeuge, die zu Fetischen werden, und eine brüchige Kartografie des Begehrens zeigen Räume, die in unserer digitalisierten Welt langsam zu verschwinden drohen.
Direkt daneben trafen zwei kraftvolle Positionen aufeinander. In »HAVE A FAG« feierten Ashe Schaub und Leonard Seidler mit partizipativer Fotografie transmaskuline Präsenz, voller Schamlosigkeit und Widerstand gegen cis-männliche Blicke. Gleichzeitig zeigte Joshua Tashs Serie »Euphoria« eine zutiefst berührende Feier der eigenen Selbstermächtigung nach einer Top Surgery. Bilder, die lange nachwirken.
Wenn die Füße brennen: Das Finale in der Fabrique
Um 22:00 Uhr verlagerte sich das Geschehen schließlich nach drinnen. In der Fabrique sowie in den Räumen vom Anti Alles Atelier, LOLA Kollektiv, Second String und RAUBKOPIE startete das Nachtprogramm. Ein vielversprechendes Line-up aus Sets, Live-Sounds und nächtlicher Ekstase lockte die Menge in die Gebäude.
Ich muss ehrlich gestehen: Ich habe es nicht mehr auf die Tanzfläche geschafft. Nach Stunden auf den Beinen, vollgeladen mit Eindrücken, Musik und Emotionen, forderten meine Füße unerbittlich ihr Recht ein. Aber selbst das Wissen, dass hinter den Wänden die Bässe bis tief in die Nacht weiterwummerten, reichte aus, um mit einem Lächeln den Heimweg anzutreten.
Was bleibt, wenn der Lärm verhallt?
Nun sitze ich wieder hier in meinem kleinen Haus auf dem Land. Draußen ist es ruhig, doch in mir drin schwebt immer noch dieses Gefühl von Freiheit.
Das Spektakel hat mir gezeigt, dass wir Räume schaffen können, in denen Alltag und Angst keinen Platz haben. Kleidung kennt dort keine Grenzen. Make-up gehört keinem Geschlecht. Musik kennt keine Nationalitäten. Kunst braucht keine Normen. Artists der unterschiedlichsten Couleur strahlen in allen Farben des Regenbogens.
Ein riesiges Dankeschön an COMMAND QUEER für sieben Jahre unermüdliche Ehrenamtsarbeit. Danke an das wunderschön alternative Gängeviertel, an das aufmerksame Awareness-Team, an die Technik, die Helfer*innen und jede einzelne Person, die diesen Ort mit Leben gefüllt hat. Ihr habt uns einen Ort geschenkt, an dem man sich sicher fühlen konnte.
Wenn ich jetzt die Augen schließe und an diesen Tag zurückdenke, sind da vor allem die Gesichter der Menschen, die ihn so unvergesslich gemacht haben. Ich denke an die vielen Lacher, die geteilten Momente und den Weg, den ich gemeinsam mit Caro, Sandra und all den anderen wunderbaren Menschen gegangen bin, die ich treffen durfte und mit denen ich an diesem Tag unterwegs war. Solche Begegnungen brennen sich tief ins Herz ein.
Ja, genau so kann Leben sein. So muss Leben sein. Es war der schönste CSD meines Lebens, und das Spektakel war maßgeblich daran beteiligt.
