Wann: Freitag, 14. August & Samstag, 15. August 2026
Wo: Am Reiherstieg (Schlengendeich), Hamburg-Wilhelmsburg
MS Dockville 2026 – Vorschau
Manchmal braucht ein Festival keinen starren Timetable, sondern einfach nur Raum zum Atmen. Genau das ist das MS Dockville für mich. Ich war schon ein paar Mal dort, und obwohl sich jeder Tag auf dem Gelände anders anfühlt, ist da diese sofortige, vertraute Wärme, sobald man den Fuß auf den Boden setzt. Vielleicht liegt es an der Kulisse irgendwo zwischen rauen Kränen, Industriecharme und Elbbrise, vielleicht an der Musik – oder schlicht an den Menschen. Wahrscheinlich ist es die Mischung aus allem.
Zwischen Bühne und Bauchgefühl
Das Besondere am MS Dockville ist die kollektive Entschleunigung. Klar, da stehen Acts auf dem Zettel, die man unbedingt sehen will, aber genauso oft bleibt man einfach irgendwo zwischen den Bühnen hängen, weil einen ein Sound, eine Stimme oder eine Lichtinstallation im Vorbeigehen catcht. Genau dafür geht man doch hin.
Das Line-up setzt auch dieses Jahr wieder auf das bewährte Rezept: Eine feine Balance aus etablierten Namen und Acts, die man erst noch für sich entdecken darf. Du reist mit bestimmten Erwartungen an und gehst am Sonntag früh morgens mit drei neuen Lieblingsbands im Gepäck nach Hause. Dieses „Warum zur Hölle kannte ich das eigentlich noch nicht?“-Gefühl ist für mich der Kern des ganzen Festivals.
Mehr als nur Musik
Dazu kommt das ganze Drumherum. Das MS Artville, das auf dem selben Gelände stattfindet, hinterlässt seine Spuren; überall gibt es Kunst, versteckte Ecken und Installationen, die man erst entdeckt, wenn man den Kopf ausschaltet und sich treiben lässt. Das MS Dockville funktioniert nicht, wenn man es komplett durchtaktet. Es lebt davon, dass man sich verliert und genau dadurch die besten Momente findet. Es ist auch kein Pflaster, um gesehen zu werden. Es geht vielmehr darum, einfach da zu sein. Den Bass im Bauch zu spüren, Staub auf den Schuhen zu haben und sich treiben zu lassen. Die Crowd ist offen, entspannt und irgendwie komplett auf einer Wellenlänge.
Warum ich 2026 wieder auf die Elb-Insel ziehe
Das Programm für 2026 schlägt wieder die perfekten Haken zwischen Indie, Pop, Rap und elektronischen Nischen. Und obwohl ich mich am Ende sowieso wieder treiben lasse, stehen ein paar Namen schon jetzt ganz dick im Kalender:
Noga Erez zum Beispiel, weil ihre unbändige Attitude und ihr eigensinniger Sound einen sofort einsaugen. Oder Paris Paloma, deren Tracks sich so einnehmend zwischen zerbrechlicher Zartheit und purer, feministischer Wucht bewegen. Perfekt in diese Ecke passt für mich auch Vandalisbin: Die studierte Jazz-Schlagzeugerin macht verrauchten Indie-Pop mit jeder Menge Soul und kratzigen Vocals, die nicht umsonst an ihre Anfänge mit Amy-Winehouse-Covern auf den Straßen Münchens erinnern. Ihre Songs sind pure Selbsttherapie – intim, jazzig und dank Releases wie „Regen“ ein absoluter Geheimtipp. Für den Indie-Pop-Abriss mit ordentlich Glitzer, Humor und messerscharfen Ansagen gegen das Patriarchat sorgen außerdem Blond.
Ein ganz besonderes Highlight, auf das ich mich in diesem Jahr wahnsinnig freue, ist der Born2Sing Choir. Der Hamburger Chor wurde 2023 vom Verein von Rapper Samy Deluxe (SalutDeluxe e.V.) ins Leben gerufen und bietet vor allem Queers und BIPOC eine Bühne zur kreativen Entfaltung. Was die Crew so besonders macht? Sie singen komplett genreübergreifend von Pop über Hip-Hop bis Klassik, arrangieren die Songs gemeinsam um und das meistens völlig ohne Noten. Nach Auftritten in der Elbphilharmonie und dem Schauspielhaus bringen sie ihre mehrstimmige, emotionale Power jetzt auf die Insel. Das wird garantiert einer dieser magischen Gänsehaut-Momente, für die man das Dockville so liebt!
Wer mich kennt, weiß aber, dass mein Herz auch im Hip-Hop schlägt. Deshalb freue ich mich riesig auf Mariybu, die mit ihrem hyperpop-geladenen, queerfeministischen Rap und zersägenden Beats im Moment alles abreißt. Ein absolutes Highlight wird auch der Hoe Down Throw Down by bangerfabrique – das Hamburger FLINTA*-Kollektiv bringt geballte Hip-Hop- und Rap-Power auf die Bühne, die für Empowerment pur steht. Genau in diese Kerbe schlägt für mich auch Baran Kok: Wie er als queerer, kurdischer Künstler mit Rap-Klischees bricht, verdammt taffe Bars spittet und gleichzeitig extrem viel Stolz transportiert, ist absolut feierbar.
Und dann sind da noch die frischgebackenen Krach+Getöse-Preisträger*innen 2026, die ich erst vor Kurzem bei der Award-Verleihung auf dem Schirm bekommen habe und auf deren Live-Umsetzung ich beim Dockville verdammt gespannt bin. Da haben wir zum einen schluma, die als Band mit ihrem unpolierten, intuitiven Indie-Rock und herrlich unverkrampften Texten frischen Wind in die Hamburger Gitarrenszene bringen. Und zum anderen den Hamburger Sounddesign-Studenten und DJ Chinyere. Väterlicherseits mit traditioneller Igbo-Musik und mütterlicherseits mit Alternative-Rock und Daft Punk aufgewachsen, bringt er eine Vorliebe für raue Texturen und schwere Basslines mit. Seine Sets, in denen Subgenres wie Gqom, Sghubu und Uthayela mit Einflüssen aus afrikanischer elektronischer Musik, UK Garage und Breaks verschmelzen, werden den Reiherstieg ordentlich durchschütteln.
Aber das ist natürlich nur meine ganz persönliche Wunschliste. Meine langjährige Festival-Komplizin Caro wird dieses Jahr ebenfalls wieder für MUSICSPOTS den Reiherstieg unsicher machen – und während wir uns beim Tanzen und Treibenlassen garantiert einig sind, hat sie musikalisch ganz andere Highlights auf dem Zettel. Worauf freust du dich eigentlich am meisten, Caro? Ihre ganz eigenen Geheimtipps und Favoriten für das Dockville-Wochenende hat sie drüben bei MUSICSPOTS aufgeschrieben. Ihren Artikel und ihre Must-Sees findet ihr direkt hier.
Ach übrigens: Es gibt noch Tickets
Sehen wir uns in Hamburg-Wilhelmsburg?
Fotocredits: MS DOCKVILLE - Marvin Contessi /
