Es gibt diese Kulturveranstaltungen im Kalender, die fühlen sich irgendwann an wie ein Pflichttermin. Man geht hin, nickt höflich, nippt am Drink und geht wieder. Und dann gibt es den Hamburg Music Award KRACH+GETÖSE. Für mich ist dieser Abend im Imperial Theater jedes Jahr aufs Neue wie ein glamouröses, herrlich unverkrampftes Klassentreffen der Hamburger Musikszene. Man trifft vertraute Gesichter, lernt neue Menschen kennen, führt die Sorte tiefgründige Gespräche, die man im Alltag viel zu selten zulässt, und geht am Ende mit einer langen Liste neuer Musikentdeckungen nach Hause.
Das diesjährige Motto lautete „Verbindungen schaffen“ – und selten hat ein Leitmotiv den Vibe eines Abends so perfekt auf den Punkt getroffen. Musikalisch perfekt untermauert wurde das Ganze übrigens von DJ That Fucking Sara, die an den Decks dafür sorgte, dass der Vibe auch zwischen den Programmpunkten genau da war, wo er sein musste.
Miteinander reden – gerade dann, wenn es ungemütlich wird
Schon bei der Eröffnungsrede wurde klar, dass es bei KRACH+GETÖSE um weit mehr geht als um das reine Vergeben von Pokalen und Preisgeldern. Andrea Rothaug, die Geschäftsführerin von RockCity Hamburg e.V., fand genau die richtigen, pointierten Worte für eine gesellschaftliche Gegenwart, in der viele Menschen lieber übereinander statt miteinander reden. Ihre Botschaft war so simpel wie essenziell: Wir müssen wieder ins Gespräch kommen. Auch – und vielleicht gerade dann –, wenn wir nicht einer Meinung sind.
Passend dazu gab uns das Moderations-Duo eine kleine Hausaufgabe mit in die Pause: Wir sollten mindestens eine Person im Saal ansprechen, die wir noch nicht kannten. Und wer hätte uns diese Aufgabe charmanter aufs Auge drücken können als Didine van der Platenvlotbrug und Nebou N'Diaye? Didine, das absolute Moderations-Urgestein, queere Mum und das schlagende Herz so vieler Hamburger Kultur-Abende, führte gemeinsam mit Nebou (die damals selbst mit bangerfabrique den Award abgeräumt hat) herrlich nonchalant, humorvoll und mit einer wunderbaren Wärme durch das Programm.
Von opernhafter Wucht und der Kunst des Weglassens
Den musikalischen Vorhang riss Bambita als Opener des Abends ein. Was für ein Brett: Hier trafen opernhafte, dramatische Gesangslinien auf kompromisslose, harte elektronische Bässe. Zartheit prallte auf rohe Wucht, bildende Kunst auf verschwitzten Clubvibe. Die schiere Bühnenpräsenz und Ausdruckskraft waren so einnehmend, dass im Saal sofort jedem klar war, warum Bambita genau auf dieser Bühne steht.
Der erste Award des Abends ging an Loma Reqs – eine Band/Duo, deren Mitglieder aus den unterschiedlichsten Ecken der Welt stammen und deren Biografien von Flucht, Migration und dem harten Kampf um einen Neuanfang geprägt sind. Einige von ihnen leben im Exil in Deutschland, andere hangeln sich von einer Fiktionsbescheinigung zur nächsten. Das bedeutet jahrelange, zermürbende Unsicherheit und ein Leben im permanenten Wartestatus. Umso tiefer grub sich ein Satz der Band in die Magengrube des Publikums:
„Es gibt Zeiten, da dürfen wir nicht sauer sein, dass wir nicht die Revolution in unserem Land sind. Es gibt Zeiten, da müssen wir einfach froh sein, zu überleben.“
Ein Moment, der spürbar im Raum nachhallte.
Ganz anders, aber nicht weniger beeindruckend, ging es beim zweiten Preis für schluma. Die Band hat vermutlich die kürzeste Einreichung in der Geschichte des Wettbewerbs abgegeben: Ihr Song „Star Struck“ dauert gerade einmal anderthalb Minuten. In Italien innerhalb von zwanzig Minuten geschrieben, in weiteren zwanzig Minuten aufgenommen, fertig. Dass eine Jury so viel Mut zur Lücke und rohe Intuition auszeichnet, ist großartig. Es zeigt, dass KRACH+GETÖSE eben nicht nach glattgebügelter Perfektion sucht, sondern nach Charakter und Ecken.
Hausaufgaben in der Pause und ein kollektiver Schockmoment
Meine Pausen-Hausaufgabe wurde glücklicherweise direkt von Biggy Pop in die Wege geleitet, die mir die Sängerin Chrissy Lou vorstellte. Noch gibt es zwar keine veröffentlichte Musik von ihr, aber die erste Single ihrer Debüt-EP steht in den Startlöchern. Inhaltlich wird es um intime, queere Themen und ganz persönliche Geschichten gehen. Mein musikalischer Detektorsinn ist auf jeden Fall geweckt – ihr werdet hier im Blog ganz sicher bald mehr von ihr lesen.
Nach der Pause wurde es dann schlagartig laut. Sehr laut. Lina-Mariah betrat die Bühne zunächst mit dem Rücken zum Publikum, während der Vorhang sich langsam öffnete und die ersten, noch fast schüchternen Töne von „Girl With A Gun, Angry“ erklangen. Und dann setzte das Schlagzeug ein – und der komplette Saal ist kollektiv zusammengezuckt. Lina-Mariah hat den Award bereits im letzten Jahr gewonnen und seitdem eine absolut atemberaubende Entwicklung hingelegt. Nach fetten Festivalshows ging es für sie direkt im Anschluss weiter nach New York, wo aktuell ein gigantisches Billboard mit ihrem Gesicht prangt. Wer auf dreckigen Grunge, ehrlichen Rock und Texte steht, die ungebremst in die Magengrube fahren, muss Lina-Mariah auf dem Schirm haben.
Zwischen Queerness, Punk-Nostalgie und großer Vorfreude
Der dritte Award des Abends ging an Chinyere. Als Sounddesigner, Produzent und DJ schraubt er an einem Sound, der sich irgendwo im spannenden Spagat zwischen elektronischer Clubkultur, deepem Gefühl und humorvollen Überraschungsmomenten bewegt. Da treffen Meme-Snippets auf melancholische Synth-Flächen. In der queeren Szene ist Chinyere längst eine feste Bank, und es bleibt zu hoffen, dass sich dieser Sound nun auch weit über die Genregrenzen hinaus herumspricht.
Bei Preis Nummer vier ging mir persönlich das Herz auf, denn der Award ging an SHIT SHOW. Da schlug bei mir natürlich sofort die eigene Punk-Sozialisation durch (und ich schätze, Andrea Rothaug ging es da mit ihrer eigenen Vergangenheit ganz ähnlich). Vor allem aber tat es verdammt gut zu sehen, wie relevant, unangepasst, laut und witzig Punk im Jahr 2026 immer noch sein kann – verpackt mit genau der richtigen Portion „Uns doch völlig egal, was die anderen über uns denken“.
Den krönenden Abschluss der Preisträger*innen machte schließlich NVCHT. Der Name war mir natürlich längst ein Begriff, nicht zuletzt, weil ich sie gerade erst für mein Feature zu FINNA & Friends auf der Altonale auf dem Zettel hatte. Ihr Mix aus Pop-Melodien und Hip-Hop-Vibes getragen von einer wahnsinnig starken Stimme bleibt einfach sofort hängen. Noch schöner war es aber, nach der Verleihung kurz mit ihr zu quatschen und diese ungefilterte, riesige Freude mitzuerleben. Da merkt man einfach, wie viel dieser Support den Artists bedeutet. Die Vorfreude auf ihren Gig bei der Altonale ist gerade noch mal ein ganzes Stück gewachsen.
Smalltalk am Rand: Alte Bekannte und neue Allianzen
Wie wichtig das Motto „Verbindungen schaffen“ wirklich ist, merkte man aber abseits der Scheinwerfer im Foyer und vor dem Imperial Theater. Am Rand der Veranstaltung habe ich so viele tolle Menschen getroffen, dass die Zeit kaum reichte. Es gab ein wunderbares Wiedersehen mit KYNG (über die ich ja hier im Blog schon ausführlich geschrieben habe – und zwar hier). Aber auch der kurze, inspirierende Austausch mit MIK, Sarife und Less hat mal wieder gezeigt, wie eng verzahnt, supportive und kreativ die Hamburger Szene abseits des Mainstreams agiert.
Der physische Pokal ist bei KRACH+GETÖSE eben nur die Eintrittskarte. Neben den 2.500 Euro Preisgeld wartet auf die fünf Acts ein maßgeschneidertes, zwölfmonatiges Förderprogramm mit Mentorings, Studioslots und Festivalbuchungen. Dass das funktioniert, beweisen ehemalige Preisträger*innen wie Nina Chuba, FINNA, Mariybu, Sophia Kennedy oder Ilgen-Nur.
Ein extrem spannender Ausblick ergab sich für mich am Rande des Abends auch im Gespräch mit Sternekoch Matthias Gfrörer. Die Idee: Gemeinsam mit RockCity soll auf dem Gelände der Gutsküche Wulksfelde ein eigenes Festival entstehen, das Newcomer-Artists eine völlig neue Bühne und Sichtbarkeit bietet. Mehr Räume für den Nachwuchs, mehr echte Verbindungen – ich drücke beide Daumen, dass aus dieser Vision etwas ganz Großes entsteht.
Ein riesiges Danke
Mein fetter Respekt und Dank geht an die hochkarätige Jury 2026, die hier wirklich ein goldenes Händchen bewiesen hat: Demian Kappenstein, Mariybu, Max Richard Leßmann, Philo Tsoungui und VANDALISBIN. Ebenso natürlich an RockCity Hamburg e.V., die Haspa Musik Stiftung und die Hamburger Kulturförderung, die diesen wichtigen Support überhaupt erst möglich machen. Und nicht zu vergessen die vielen unermüdlichen Hände hinter den Kulissen, die dafür sorgen, dass sich dieser Abend jedes Jahr gleichermaßen hochprofessionell, herzlich und ein bisschen magisch anfühlt.
Ganz persönlich möchte ich außerdem noch danke sagen an Caro Schwarz von MUSICSPOTS und an Biggy Pop – ohne eure Sweetness wäre dieser Abend einfach nicht dasselbe gewesen. Wenn ich an KRACH+GETÖSE denke, denke ich am Ende eben nicht zuerst an die Pokale aus Metall. Ich denke an die Menschen.
