Manchmal reicht ein einziger Blick auf ein Konzert-Line-up, und im Kopf geht sofort ein ganzer Film voller Erinnerungen los. Als ich das Line-up für FINNA & Friends bei der altonale in die Finger bekommen habe, musste ich sofort breit grinsen. Klar, auf der Bühne stehen einige der aktuell spannendsten Stimmen der queerfeministischen Musikszene – aber für mich hängen an fast jedem dieser Namen ganz persönliche Erinnerungen.
FINNA habe ich vor gefühlt einer Ewigkeit das erste Mal beim Vogelball erlebt. Ich weiß noch genau, wie mich die Wucht damals sofort erwischt hat. Diese unbändige Energie, die Präsenz und die absolute Weigerung, sich irgendwie leise zu machen. Seitdem sind sich unsere Wege immer wieder gekreuzt. Ich durfte FINNA für MUSICSPOTS interviewen, aber besonders im Gedächtnis geblieben ist mir ein Abend bei einem Konzert von Grossstadtgeflüster: Eigentlich waren wir alle für eine völlig andere Band da, am Ende wurde es einfach eine großartige, lange Nacht voller echter Gespräche.
Unvergessene Schlagzeugduelle und alte Bekannte
Überhaupt ist der Kontakt zu FINNA und Saskia Lavaux über die reine Berichterstattung hinausgewachsen. Mein erster Berührungspunkt mit Saskia war ein Konzert von Schrottgrenze, und ganz ehrlich: Das Schlagzeugduell an diesem Abend hat sich bis heute in mein Hirn eingebrannt. Später folgten auch hier Interviews und lose, aber stetige Begegnungen über die Jahre. Es ist kein tägliches Schreiben, aber über die Zeit ist da einfach eine Vertrautheit entstanden, die ich in der Szene wahnsinnig schätze.
Und dann ist da rahsa. Auch rahsa habe ich damals beim Vogelball aufgesaugt. Hängen geblieben ist diese unglaubliche, stolze Kraft, mit der rahsa den Raum eingenommen hat – nicht laut, um billig aufzufallen, sondern weil rahsa verdammt wichtige Dinge zu sagen hatte.
Lena Stoehrfaktor wiederum begleitet mich als Hörer*in schon viel länger, als die meisten wahrscheinlich denken würden. Nicht erst seit dem verdienten Hype um „Lesbisch aus Prinzip“ mit Lila Sovia. Wer sich in Deutschland für queeren, feministischen und dezidiert politischen Rap interessiert, kommt an Lena schlicht nicht vorbei. Ein absoluter Lieblingstrack von mir ist „Beton auf der Zunge“ – ein Song auf einem fetten Kopfnicker-Beat von Sinok, der gewohnt antifaschistisch ist, Lena Stoehrfaktor aber auch von einer ganz persönlichen Seite zeigt. Es ist eine Hymne auf die eigene Crew, auf die Freund*innen, die gemeinsam durch schwere Zeiten gehen und einem die Kraft zum Weitermachen geben. Genau diese Haltung zieht Lena Stoehrfaktor einfach durch, auch und gerade dann, wenn es ungemütlich wird.
Der Reiz des Unbekannten
Genau wegen dieser gemeinsamen Geschichte freue ich mich wie Bolle auf diesen Abend. Aber es sind eben nicht nur die vertrauten Gesichter, die den Reiz ausmachen. Ich bin mindestens genauso gespannt auf die Acts, die ich bisher noch nicht so intensiv auf dem Schirm hatte, die aber perfekt in diesen wilden Mix passen.
Zum Beispiel Queenwho – die Bremer Rapperin hat sich nicht umsonst einen Platz beim Hamburger Kult-Label Audiolith gesichert. Wer ihre Tracks hört, weiß: Hier trifft intersektionaler Feminismus auf dreisprachige, verdammt taffe Bars. Dazu kommt Nala Urkid, die über das Hamburger Label HUSH_040 echten, antifaschistischen Untergrund-Rap mitten aus der Schanze mitbringt. Und schließlich NVCHT, die ich gerade erst beim Krach+Getöse kennengelernt habe, wo sie frisch mit einem Award ausgezeichnet wurde. Nach unserem kurzen, feinen Gespräch freue ich mich jetzt umso mehr auf ihre Show. Sie selbst nennt ihren Sound „Blockpop“ – eine Mischung aus Deutschrap und Pop, die emotionale Tiefe mit Melodie verbindet. Aufgewachsen unter harten Bedingungen, beweist NVCHT mit ihren rohen, ehrlichen Texten über Armut, Zusammenhalt und Empowerment, dass die eigene Herkunft nicht definiert, wo es hingeht. Seit ihrer 2024er Debüt-EP AHG - Als Hustler geboren geht es für sie steil bergauf – und ihr nächstes, noch persönlicheres Projekt steht schon in den Startlöchern.
Denn seien wir ehrlich: Die schönsten Festivalmomente sind doch die, bei denen man ohne große Erwartungen vor einer Bühne landet und plötzlich von der geballten Ladung Newcomer-Energie komplett weggeblasen wird.
Am Ende ist FINNA & Friends kein steifes Konzept aus starren Headlinern und austauschbarem Support. Es fühlt sich eher an wie eine offene Community, die den Platz der Republik für ein paar Stunden einnimmt. Queer, feministisch, laut und vor allem: verdammt neugierig aufeinander.
Die harten Fakten:
Ich werde definitiv im Publikum stehen – für die Menschen, die mich schon lange begleiten, und für die, die ich an diesem Abend ganz neu entdecken darf. Man sieht sich vor der Bühne!
