Instagram ist manchmal ein seltsamer, fast schon anstrengender Ort. Zwischen Katzenvideos, hitzigen politischen Diskussionen und selbsternannten Finanz-Gurus, die mir in drei Wochen den schnellen Reichtum versprechen, tauchte neulich plötzlich ein ganz bestimmtes Reel in meinem Feed auf: herbst mit seinem Song „Was dein Type?“. Die smoothen Tanzmoves und dieser verdammt freshe Sound haben mich mitten in der Bewegung stoppen lassen. Ich weiß noch, dass ich augenblicklich hängengeblieben bin und eben nicht weitergescrollt habe. Also tat ich das, was ich immer tue, wenn mich Musik so packt: Ich fing an zu recherchieren. Und je tiefer ich in die Welt von herbst eingetaucht bin, desto spannender wurde die Geschichte hinter diesem Artist.
Von der Kaffeemaschine auf die Festivalbühnen
In einer Musikbranche, die oft wie ein perfekt durchgestylter, fast schon steriler Marketingapparat wirkt, klingt der Werdegang von herbst herrlich unangepasst. 2024 veröffentlichte der damals 21-Jährige erstmals eigene Songfetzen auf TikTok – komplett ohne großen Masterplan. Die Reaktionen der Community ließen allerdings nicht lange auf sich warten. Immer mehr Menschen wollten wissen, wann die Tracks endlich auf Spotify landen.
Aus diesem organischen Hype entstand schließlich „gasleuchte“ – ein Song, der prompt eine enorme Eigendynamik entwickelte. Spotify packte ihn in die renommierte „Wilde Herzen“-Playlist, Influencer*innen teilten den Sound und kurze Zeit später stand die Single weit oben in den deutschen Viral-Charts. Ein ziemlich steiler Start für jemanden, der zu dem Zeitpunkt eigentlich noch in einem kleinen Café arbeitete und schlicht jede freie Minute in seine Musik steckte.
Zwischen Chopin und modernem Liebeskummer
Wer sich durch die Diskografie von herbst hört, merkt schnell, dass diese Songs anders atmen als das meiste, was aktuell durch die Social-Media-Kanäle gejagt wird. Es gibt Intros, Leute! Etwas, wovon jedem Artist aktuell abgeraten wird, weil beim Streaming Songs in den ersten 3 Sekunden überzeugen müssen. Das liegt vor allem am musikalischen Fundament: herbst hat eine klassische Klavierausbildung hinter sich. Geprägt von Komponisten wie Debussy und Chopin, kamen später Gitarre, Songwriting und Gesangsunterricht dazu.
Diese musikalische Tiefe hört man in jeder Sekunde. Viele Stücke beginnen extrem intim und reduziert – nur Klavier, Gitarre und seine Stimme. Doch dann bricht der Song auf: Streicher und Bläser arrangieren sich im Hintergrund, subtile elektronische Elemente schleichen sich ein, und die Dynamik wird plötzlich groß, fast schon kinematografisch. herbst verzichtet dabei spürbar auf die typischen, glattgebügelten Pop-Tricks der Gegenwart. Hier gibt es wenig Kosmetik, dafür umso mehr Raum für die Texte.
Queer, ohne es zur Marke zu machen
Gerade für ein queeres Medium ist der Blick auf die Identität hinter der Kunst natürlich spannend. In den offiziellen Pressetexten sucht man nach entsprechenden Labels allerdings vergeblich. Also habe ich einfach mal direkt nachgefragt. Die sympathisch-entspannte Antwort aus seinem Team:
„Wir haben jetzt nie groß ein Ding daraus gemacht, aber das Video zu ‚Filme‘ dürfte für sich sprechen ;)“
Und das tut es. Das Musikvideo erzählt eine queere Liebesgeschichte und zeigt Nähe, Verliebtheit und Intimität zwischen zwei männlich gelesenen Menschen mit einer absoluten, wunderschönen Selbstverständlichkeit. Genau dieser Ansatz gefällt mir wahnsinnig gut: Nicht jede queere Person möchte ihre Identität permanent auf dem Silbertablett erklären oder auf ein einziges Label reduziert werden. Manchmal reicht es völlig aus, diese Geschichten einfach stattfinden zu lassen. Ein Musikvideo sagt hier mehr als jede Pressemitteilung.
Ein echtes Debüt und eine echte Community
Heute, rund anderthalb Jahre nach dem Durchbruch von „gasleuchte“, ist aus dem einstigen TikTok-Phänomen längst ein ernstzunehmender Act gereift. herbst hat mittlerweile sein Debütalbum „wieder verliebt“ auf den Markt gebracht, Hunderte Vinylplatten verkauft und bereits zwei nahezu ausverkaufte Solo-Tourneen gespielt.
Dazu kommen solide 121.000 monatliche Hörer*innen auf Spotify. Was mich bei der Recherche aber nachhaltig beeindruckt hat, ist das Fundament dahinter: Die Fans folgen ihm nicht nur passiv auf den großen Plattformen. Es gibt eine extrem aktive, familiäre WhatsApp-Community, in der sich die Hörer*innen untereinander austauschen. Das fühlt sich weniger nach klassischem, kalkuliertem Fan-Marketing an, sondern nach einer echten Gemeinschaft.
Ab auf die Open-Airs: herbst live im Festivalsommer
Wer sich von dieser Live-Energie selbst überzeugen will, muss zum Glück nicht bis zur nächsten Hallentour warten. Jetzt, wo der Sommer endlich da ist, stehen für herbst einige dicke Open-Air-Termine auf dem Plan:
Besonders die Shows im August auf dem legendären Haldern Pop oder dem Pangea Festival an der Ostsee dürften absolute Highlights werden. Wenn ich doch nur auf alle Festivals gehen könnte.
Warum man diesen Artist im Auge behalten muss
Es gibt Künstler*innen, die unheimlich laut schreien müssen, um aufzufallen. Und es gibt Künstler*innen wie herbst, die die Menschen genau durch das Gegenteil dazu bringen, ganz genau hinzuhören. Diese feine Mischung aus verletzlicher Intimität und musikalischer Wucht ist selten geworden. Genauso wie sein Umgang mit Queerness, der sich eben nicht über laute Statements definiert, sondern über selbstverständliche Sichtbarkeit.
Vielleicht war es damals nur ein zufälliges Reel in meinem Feed, vielleicht aber auch genau der richtige Algorithmus-Moment. Fest steht: Ich bin verdammt froh, dass ich bei „Was dein Type?“ nicht weitergescrollt habe.
Fotocredits: Fey Willbrandt
