Da geht man nichtsahnend zu einer Show von Gottmik, einer amerikanischen Drag Queen, und dann steht plötzlich Laura Oliveira als musikalischer Act auf der Bühne. Ihr unverwechselbarer Style, ihre unglaublich sympathische, echte Art und vor allem ihre zutiefst emotionale Emo-Musik haben mich sofort in den Bann gezogen. In diesem Moment war mir klar: Über diese Person muss ich unbedingt mehr wissen. Das ist nicht einfach nur der nächste austauschbare Song für irgendeine Playlist. Hier entsteht gerade etwas, das man unbedingt im Auge behalten sollte. Emo is back! Thanks!
Mehr als nur Alternative Pop
Als queere FLINTA-Künstlerin aus Berlin mit brasilianischen Wurzeln bringt Laura Oliveira eine ganz eigene DNA in die Szene. Ihren Sound beschreibt sie selbst als „cinematic alt-pop made in Berlin“ – und das trifft es ziemlich genau. Ihre Musik bewegt sich elegant zwischen Alternative Pop, modernen elektronischen Einflüssen und einer Emotionalität, die sich nicht hinter großen Popgesten verstecken muss. Statt auf perfekte Hochglanzfassaden setzt sie auf Geschichten, die weh tun dürfen: auf Unsicherheiten, Zweifel und all die Dinge, über die viele Menschen lieber schweigen. Dabei wirkt ihre Verletzlichkeit nie wie ein Selbstzweck oder kalkulierte Düsternis. Vielmehr erzählt hier jemand genau die Geschichten, die einfach erzählt werden müssen.
Wenn die Ränder der Gesellschaft ins Rampenlicht rücken
Besonders spannend ist ihr konzeptioneller Ansatz: In ihrer Vita beschreibt sie ihre Kunst als Stimme für diejenigen, die oft als Antiheld*innen wahrgenommen werden. Ein Gedanke, der nach dem Live-Erlebnis noch einmal lauter nachhallt. Denn wie viele queere Menschen wachsen mit dem Gefühl auf, nicht in die vorgesehenen Rollen zu passen? Wie viele Menschen mit psychischen Erkrankungen, mit Migrationsgeschichte oder mit multiplen Identitäten fühlen sich permanent zwischen allen Stühlen? Genau dort findet Laura Oliveira ihre Inspiration – nicht bei den makellosen Held*innen, sondern bei den Menschen in den Zwischenräumen.
Queerness, Mental Health und kulturelle Identität
Spätestens bei ihrer kommenden EP „headspace“ wird sicherlich deutlich werden, wohin die Reise geht. Die Songs beschäftigen sich intensiv mit Queerness, Mental Health und dem Aufwachsen zwischen verschiedenen Kulturen. Das sind Themen, die in vielen Lebensrealitäten eine zentrale Rolle spielen, im Mainstream-Pop aber oft nur oberflächlich angerissen werden. Im Indie-Bereich sind das dagegen häufige Themen.
Gerade als queeres Medium interessieren mich solche Perspektiven besonders. Nicht, weil man Künstler*innen automatisch über ihre Identität definieren sollte, sondern weil genau hier die Authentizität liegt. Laura Oliveira packt diese Themen an – offen, verletzlich und gleichzeitig extrem selbstbewusst.
Der Weg von „Against Water“ zu „headspace“
Erste Aufmerksamkeit erhielt die Berlinerin bereits 2022 mit ihrer Single „Against Water“, die gemeinsam mit bekannten Namen wie Domiziana entstand. Seitdem hat sich künstlerisch viel getan: Mit Tracks wie „Suffocating“, „Lose Control“, „Club 27“, „passenger princess“ oder „i always ruin a good thing“ zeichnet sich eine Entwicklung ab, die deutlich persönlicher und mutiger geworden ist.
Das spiegelt sich auch in der Resonanz wider: Ihre Community wächst kontinuierlich, mittlerweile folgen ihr über 52.000 Menschen auf TikTok, flankiert von Platzierungen in großen Spotify-Editorial-Playlists wie „Women GSA“ und „Fresh Finds“. Das Ganze fühlt sich nicht nach einem kurzfristigen, künstlichen Hype an, sondern nach einem Projekt, das sich Schritt für Schritt organisch seinen Platz erobert.
Fazit: Ein Act, den man jetzt entdecken sollte
Was mich an Laura Oliveira nachhaltig begeistert, ist die Kombination aus Haltung und Handwerk. Sie hat Gesang und Marketing studiert; sie versteht die kreative Vision somit genauso gut wie die harten Realitäten des Musikgeschäfts. Vor allem aber hat sie etwas Relevantes zu erzählen.
Während viele Acts versuchen, maximale Perfektion zu faken, fasziniert mich hier das Unperfekte: die Widersprüche, die Brüche, die Geschichten zwischen den Zeilen. Nach dem Konzert in Hamburg und der anschließenden Recherche steht für mich fest, dass wir von Laura Oliveira noch einiges hören werden. Die EP „headspace“ wandert definitiv auf meine persönliche Watchlist – und sie sollte auch auf deiner landen.
Fotocredits: Laura Oliveira
