Skofi HMF (c) Lea Horsten-6

„Ich bin so bei mir wie lang nicht mehr“ – Skofi im Interview über Wut, Verlust und das neue Album

Als ich Skofi die Fragen zu dem neuen Album Halt Mich Fest geschickt habe, hatte ich gehofft, ein paar spannende Einblicke in die Entstehung der Platte zu bekommen. Bekommen habe ich letztlich deutlich mehr: ein Gespräch über echte Wut, die oft starren Strukturen der Musikindustrie, intensive Beziehungsphasen und einen Traum, der einen Song in eine völlig unerwartete Richtung gelenkt hat. Skofi spricht aber auch über den schmerzhaften Verlust der eigenen Tante. Vor allem geht es in diesem Interview um Ehrlichkeit – und zwar nicht um die Art von Marketing-Ehrlichkeit, die sich gut verkauft, sondern um jene, die manchmal weh tut.

Das Album Halt Mich Fest bewegt sich zwischen Wut, Überforderung, Leichtigkeit und Nähe. Wenn das Album ein Ort wäre – wo würde man landen und was würde dort gerade passieren?

„Ich würde sagen an einem wärmeren, urbanen Ort (bin einfach Stadtkind + Fan) bei Dämmerung mit weitem Ausblick über die Stadt. Es gibt zwar den einen oder anderen düsteren Song auf dem Album, allerdings fühlt sich für mich keiner kalt oder winterlich an. Also mit Blick auf eine Großstadt, in der viel passiert, man aber genug Distanz hat, die Musik und den Vibe entweder mit sich alleine oder engen Friends zu genießen, wäre meine Vorstellung!“

Auf dem Album scheinen viele Gegensätze zusammenzukommen: Loslassen und Festhalten, Kopfchaos und Leichtigkeit. Mit welchem inneren Konflikt hast du beim Schreiben am meisten gerungen?

„Mir fiel es bisher nicht so einfach, bei wütenderen Texten konkreter zu werden bzw. die für mich passende Wortwahl zu finden. Es gibt auf dem Album zum ersten Mal wütendere Songs, die sich wie bei ‚Graue Wolken‘ entweder auf die Musikindustrie und deren Strukturen als auch unfaire Bedingungen für independent + FLINTA*-Artists konzentrieren, oder wie auf ‚Welt‘ eine alte Beziehung mit unfairer Kommunikation bzw. Mixed Signals ansprechen. Sowas wollte ich eigentlich schon länger mal hinkriegen, dass ich den Vibe dann nachher höre und mir denke: Ah, da hat meine Wut so Platz bekommen, dass es sich danach gut anfühlt und nicht übertrieben oder cringe.“

Welcher Song auf Halt Mich Fest hat sich für dich beim Schreiben oder Aufnehmen komplett anders entwickelt als ursprünglich gedacht?

„Als Skyfarmer den ‚Zeichentrack‘-Beat angefangen hat zu basteln, dachte ich eigentlich, ich würde eher in eine lockere Sommerstimmungs-Richtung schreiben, ähnlich wie z. B. bei VIP. Also gar nicht so viel Tiefe, sondern Vibes. Allerdings hatte ich in der Woche einen sehr intensiven Traum von einer älteren Bekanntschaft, welcher mich unterbewusst doch länger beschäftigt hat, und somit habe ich auf ‚Zeichentrack‘ wieder mehr aus meinem Innenleben und meiner Gefühlswelt verarbeitet!“

Es gibt Songs, die sich anfühlen wie ein Gespräch mit jemand anderem – und Songs, die eher wie ein Gespräch mit sich selbst sind. Welche Momente auf Halt Mich Fest gehören eher zur zweiten Kategorie?

„Vor allem ‚Ich mag’s‘, ‚Vertigo‘ und ‚Windschutz‘, es gibt aber in einigen anderen Songs sicher auch Passagen, die sich für mich wie ein Monolog anfühlen!“

Wenn du deinem Ich vom Anfang der Albumarbeit zu Halt Mich Fest heute eine Nachricht schicken könntest – was würde drinstehen?

„U got this, nimm dir die Zeit, die es braucht. Auch wenn es dir auf Dauer schwerfallen wird, Entscheidungen zu treffen, wirst du am Ende zufrieden sein!“

Welche Zeile auf Halt Mich Fest hat dich selbst beim Schreiben kurz innehalten lassen – und warum?

„Auf ‚Frühling kommt‘ habe ich den sehr raschen Tod meiner Tante verarbeitet. Den Text habe ich zwar über einen längeren Zeitraum danach geschrieben und so auch verarbeitet, aber die Zeile ‚Steck die Tränen weg, ich glaube Mama braucht den Halt, Papa hält’s versteckt, aber ich weiß, wie’s in ihm knallt und meine Schwester ist zwar jünger, aber hat’s schneller geschnallt‘ hat für mich zusammengefasst, wie wir als Familie mit dieser schweren Zeit umgegangen sind.“

Welche Version von Skofi lernt man auf Halt Mich Fest kennen, die bisher vielleicht noch nicht viele gesehen haben?

„Ich denke, wenn, lernt man mich einfach besser, detaillierter kennen. Wie schon bei dem Wut-Thema bin ich in viele Themen, die ich bereits früher schon in Songs verarbeitet habe, noch deeper reingegangen und habe mich mehr getraut, Situationen und Lebensphasen in Texten direkter anzusprechen.“

Mein Eindruck

Nach diesem Interview versteht man Halt Mich Fest noch einmal auf einer ganz anderen Ebene. Es ist eben kein konstruiertes Album über eine einzelne, platte Trennung und auch kein klassischer Coming-of-Age-Release. Vielmehr ist es die faszinierende Momentaufnahme einer independent FLINTA*-Künstler*in, die sich traut, radikal genau hinzusehen – auf die eigene Wut, erlittene Verluste, komplizierte Beziehungen und letztlich auf sich selbst. Und genau diese kompromisslose Nahbarkeit ist am Ende die größte Stärke dieses Albums.

Fotocredit: Lea Horsten

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