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Bunte Paradiesvögel ja, Haltung nein? Die verlogene Doppelmoral bei „Die 80er Live“

Am vergangenen Samstag wurde das Hamburger Volksparkstadion zur Zeitmaschine: 80er-Nostalgie, Neonfarben und Kulteffekte. Doch hinter den bunten Kulissen von „Die 80er Live“ zeigte sich eine gesellschaftliche Schieflage, die einen wütend und sprachlos zurücklässt. Ein Kommentar zur Schockstarre eines Publikums, das zwar die queere Ästhetik der 80er feiert, aber von Haltung und Grundrechten nichts wissen will.

Es hätte ein Abend voller Nostalgie und unbeschwerter Feierlaune werden können. Neun Stunden Live-Programm, große Namen der Popgeschichte auf der Bühne im Volksparkstadion. Doch was sich abseits der Scheinwerfer im Publikum abspielte, hinterlässt einen extrem bitteren Nachgeschmack.

Der Mute-Button für die Haltung

Als Marian Gold, Frontmann von Alphaville, ans Mikrofon trat und klar Kante bezog gegen den aktuellen Rechtsruck in Deutschland und für die Notwendigkeit, das Erstarken der AfD zu verhindern, passiert auf fast jedem vernünftigen Konzert dasselbe: Jubel, Applaus, Solidarität.

Nicht so im Volksparkstadion. Die Reaktion des weitgehend ergrauten Boomer-Publikums? Ungläubige Blicke, betretenes Schweigen und vereinzeltes Verunsicherungs-Klatschen. „Was hat Musik denn mit Politik zu tun?“, „Wir sind doch hier, um Spaß zu haben!“ – diese Haltung war den erstarrten Menschen förmlich ins Gesicht geschrieben. Als dann auch noch die Regenbogenflagge über die riesigen LED-Leinwände flimmerte, schien das System bei vielen endgültig zu kollabieren. Dass es keine lautstarken Buhrufe gab, war noch das Höchste der Gefühle. Es brauchte zwei bis drei Songs, bis die Masse die „Störung“ verdaut hatte und wieder gewohnt steif mitklatschen konnte.

Dafür entlud sich die braun-blaue Wut später wie zu erwarten in den Social-Media-Kommentarspalten unter den Posts der Veranstalter. Ekelhaft, verbittert und entlarvend

Die Queerness konsumieren, aber die Menschen verachten

Was diese Reaktion so unerträglich macht, ist die unfassbare Ignoranz gegenüber dem, was da eigentlich auf der Bühne gefeiert wurde. Wer stand denn da im Line-up?

  • Boy George, der seit jeher offen schwul lebt und in den 80er-Jahren als gender-bending Ikone der Gay-Szene das Fundament für Sichtbarkeit legte.

  • Holly Johnson (Frankie Goes to Hollywood), einer der ersten prominenten, offen schwulen Popstars der 80er, der im Leder-Outfit und mit Strass-Trinkbecher auf der Bühne stand und ungeniert halbnackte Männer auf den Leinwänden zeigte.

  • Samantha Fox, die in den 80ern als Sexsymbol gefeiert wurde und sich 2003 öffentlich als lesbisch outete (heute ist sie mit ihrer Partnerin verheiratet).

  • Dazu Künstler*innen wie Kim Wilde, die seit Jahrzehnten eine enge Bindung und riesige Fanbase in der queeren Community pflegt, oder Marian Gold, dessen androgyner Stil das Synonym für die visuelle Grenzverschiebung jener Dekade war.

Wenn die bunten Paradiesvögel als reine Clowns zur Unterhaltung dienen, klatscht das Boomer-Publikum brav mit. Die queere Ästhetik wird dankend als Party-Deko konsumiert. Aber sobald dieselben Künstler*innen oder ihre Kolleg*innen für Menschenrechte, Vielfalt und den Schutz von Minderheiten einstehen, ist die Wut groß. Ihr wollt die Musik, aber nicht die Existenzberechtigung derer, die sie geschaffen haben? Ihr wollt den Sound der Freiheit feiern, stellt euch aber tot, wenn diese Freiheit bedroht wird?

Musik war nie nur Eskapismus

Besonders absurd ist der oft gehörte Vorwurf, Konzerte müssten ein Ort des reinen Entkommens aus der Realität sein. Wer Musik auf simplen Eskapismus reduziert, hat ihren Kern komplett missverstanden. Musik konnte und durfte noch nie einfach nur ein schallisoliertes Zimmer sein, in dem man die Welt vor der Tür vergisst. Sie war immer auch ein Spiegel der Gesellschaft, ein Ventil für Unterdrückte und ein Megafon für politische und soziale Veränderung.

Die 80er-Jahre-Kultur war hochgradig politisch. Die Synthie-Pop-, New-Wave- und Hi-NRG-Ära entstand im Schatten des Kalten Krieges, unter den verheerenden Eindrücken der AIDS-Krise, dem politischen Kampf gegen Margaret Thatcher und dem harten Ringen um sexuelle Befreiung. Wer diese Dekade auf ein unpolitisches Schlager-Fest reduziert, verleugnet die Kämpfe, die diesen Sound überhaupt erst möglich gemacht haben.

Es reicht nicht, sich die Rosinen aus der Popkultur zu picken und bei den Werten wegzusehen. Danke an Marian Gold für den Mut, Haltung zu zeigen, wo sie offensichtlich am dringendsten gebraucht wurde. Und an das Publikum im Volksparkstadion: Denkt mal darüber nach, wer da eigentlich für euch auf der Bühne steht und wem ihr diese Musik überhaupt verdankt.

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