Pride war nie nur Party
Pride Month ist für mich jedes Jahr irgendwie ein seltsamer Mix aus ganz unterschiedlichen Gefühlen. Da sind Regenbogenfahnen, Menschen auf Trucks, Glitzer im Gesicht, Musik und gute Stimmung. Überall sieht man Menschen, die lachen, tanzen und einfach sie selbst sind. Und bevor jetzt jemand denkt, dass ich darüber lästern möchte: Nein. Ganz im Gegenteil. Ich liebe das. Ich liebe es, queere Menschen glücklich zu sehen. Menschen, die sich für ein paar Stunden nicht erklären müssen und nicht darüber nachdenken, ob sie gerade zu laut, zu viel oder zu sichtbar sind.
Das ist wichtig.
Trotzdem geht mir in letzter Zeit immer wieder derselbe Gedanke durch den Kopf: Vielleicht haben wir unterwegs etwas vergessen.
Die erste Pride war keine Party. Sie war ein Riot, also ein Aufstand. Und Riot klingt im Deutschen erstmal nach Chaos, nach Sirenen und Eskalation. Eigentlich geht es aber um etwas anderes. Es geht um den Punkt, an dem Menschen nicht mehr still bleiben. Um den Moment, an dem jemand sagt: Jetzt reicht's.
1969 war genau dieser Punkt erreicht. Queere Menschen in New York hatten genug. Genug von Polizeikontrollen, genug von Schikanen und genug davon, behandelt zu werden, als wäre ihre bloße Existenz ein Problem.
Aus den Stonewall Riots entwickelte sich später ein Wendepunkt der modernen queeren Bewegung.
Wem wir Pride eigentlich zu verdanken haben
Wenn heute über Stonewall gesprochen wird, lese ich oft denselben Satz:
"The first Pride was a riot."
Was dabei aber erstaunlich oft verloren geht, sind die Menschen selbst.
Denn diejenigen, die damals ganz vorne standen, waren nicht die Menschen mit der größten Sicherheit oder dem meisten gesellschaftlichen Rückhalt. Es waren Schwarze und Latinx trans Menschen, Drag Queens, queere Jugendliche ohne Zuhause und Menschen, die ohnehin schon jeden einzelnen Tag kämpfen mussten.
Namen wie Marsha P. Johnson oder Sylvia Rivera tauchen heute zwar häufiger auf als früher. Trotzdem habe ich oft das Gefühl, dass sie immer noch eher am Rand erwähnt werden. Ganz ehrlich: Sagen Dir die Namen was?
Dabei geht es für mich gar nicht darum, wer den ersten Stein geworfen hat oder wer den ersten Widerstand begonnen hat. Historiker*innen diskutieren darüber bis heute. Viel wichtiger finde ich eine andere Frage:
Wer war überhaupt mutig genug, dort zu stehen?
Wer hatte eigentlich am meisten zu verlieren?
Denn viele dieser Menschen kämpften nicht für eine Zukunft, die für sie selbstverständlich werden würde. Sie kämpften für die Möglichkeit, offen lieben zu dürfen. Für Sichtbarkeit. Für Sicherheit. Im Grunde kämpften sie für viele Dinge, die heute für einige Menschen selbstverständlich wirken.
Der Teil, der mich wirklich wütend macht
Selbst Menschen wie Marsha P. Johnson und Sylvia Rivera wurden später teilweise innerhalb der eigenen Community wieder an den Rand gedrängt. Sie galten plötzlich als zu unbequem, zu laut oder zu radikal. Menschen, die geholfen haben, Türen einzutreten, wurden später wieder gebeten, etwas weniger Platz einzunehmen und "draußen" zu bleiben.
Und ganz ehrlich: Das geht nicht.
Vielleicht beschäftigt mich das auch deshalb so, weil ich manchmal das Gefühl habe, dass wir heute anfangen, ähnliche Fehler zu machen. Nicht dieselben, aber ähnliche. Oder kennst du den Namen Angie Stardust aus Hamburg?
Die Menschen, die mich gerade oft am meisten aufregen, sitzen nämlich nicht unbedingt außerhalb unserer Community.
Kompliz*in sein ist mehr als Beifall
Vor Kurzem habe ich über Kompliz*in geschrieben. Für mich bedeutet das mehr, als irgendwo am Rand zu stehen und zu nicken. Es bedeutet auch mehr, als im Juni einmal kurz eine Regenbogenflagge ins Profilbild zu packen.
Kompliz*in zu sein bedeutet, mitzugehen. Mit laut zu werden. Auch dann, wenn es unbequem wird. Vor allem dann.
Denn Solidarität wird nicht interessant, wenn sowieso alle zustimmen. Sie wird wichtig, wenn etwas auf dem Spiel steht.
Musik war schon immer Widerstand
Eigentlich wollte ich mit diesem Text gar keinen historischen Exkurs schreiben. Ich wollte über Musik schreiben.
Denn Musik war für queere Menschen schon immer mehr als Hintergrundgeräusch. Für viele war Musik der erste Ort, an dem sie sich überhaupt gesehen gefühlt haben. Dieser Moment, wenn plötzlich ein Song läuft und man denkt:
Moment mal. Da singt gerade jemand etwas, das sich anfühlt wie mein eigenes Leben.
Und manchmal ist Musik eben auch Widerstand.
Gottmiks neuer Song Riot ist mir seit ihrer Show immer wieder durch den Kopf gegangen. Gottmik erzählte, dass dieser Song schon seit ein paar Jahren existierte, sich die Veröffentlichung aber lange nicht richtig angefühlt hatte. Vielleicht weil viele Menschen dachten, wir wären weiter. Vielleicht weil es sich zeitweise wirklich so angefühlt hat.
Heute fühlt sich das anders an. Heute ist dieser Song nötig.
Dann gibt es Songs wie Queere Tiere von Sookee. Der Song ist inzwischen einige Jahre alt und trotzdem fühlt er sich an manchen Stellen erschreckend aktuell an. Statt einfach nur zurückzuschreien, nimmt Sookee Vorurteile auseinander und dreht Diskussionen um. Klug, direkt und mit dieser Art von Wut, die nicht einfach laut wird, sondern hängen bleibt.
Vielleicht ist genau das manchmal die stärkere Form von Widerstand. Nicht immer nur gegen etwas zu sein, sondern sichtbar zu machen, wie absurd manche Diskussionen überhaupt sind.
Oder Schrottgrenze mit Life Is Queer.
Keine klassische Protesthymne. Kein Daueranschreien. Eher ein ruhigeres, aber trotzdem deutliches:
Wir sind hier.
Wir gehen nicht weg.
Und vielleicht ist das manchmal sogar stärker.
Der Widerstand ist nicht verschwunden
Und bevor jetzt jemand denkt, ich würde sagen, Pride sei heute nur noch Werbung, Trucks und Konfetti: Nein.
