Reeperbahn Festival 2026

Reeperbahn Festival 2026 – Der queere Rückblick

Mein Glitzer-Timetable hatte nur eine Regel

Es war nicht mein erstes Reeperbahn Festival. Aber es war das erste, bei dem ich mir vorher eine ziemlich konsequente Regel gesetzt hatte: Auf meinen Timetable kommen ausschließlich queere Artists. Das klingt zunächst einfacher, als es ist. Denn natürlich steht nicht in jeder Artist-Bio, wer Teil der Community ist. Und selbstverständlich muss es das auch nicht. Also habe ich recherchiert, Interviews gelesen, Social-Media-Profile durchforstet und versucht, mir aus mehr als 300 Acts mein eigenes kleines Festival im Festival zusammenzubauen. Mit Sicherheit habe ich dabei Artists übersehen.

Kurz vor dem ersten Festivaltag kam noch eine zweite Idee dazu: Ich höre vorher nichts. Keine Singles. Keine „Top Songs“. Kein schnelles Reinhören auf dem Weg zur nächsten Verabredung. Ich wollte einfach hingehen, supporten und schauen, was passiert. Das war eine ausgesprochen gute Idee.

Denn schon nach kurzer Zeit wurde klar: Liebe Community, wir können wirklich alles. Punk. Rap. Elektro. Synth-Pop. Musik, die mich zurück in meine Jugend katapultiert. Musik, bei der ich zunächst überhaupt nicht weiß, was ich damit anfangen soll. Musik zum Tanzen und Musik, die noch Tage später Gedanken in meinem Kopf verschiebt. Vielleicht war das meine wichtigste Erkenntnis dieser vier Tage: Einen gemeinsamen queeren Sound gibt es nicht. Zum Glück.

Redd. – meine kleine Punk-Therapie

Bei Redd. dauerte es ungefähr einen Song und ich war wieder 20. Da war dieser Sound, den ich aus den Nullerjahren so gut kenne. Pop-Punk, verzerrte Gitarren, Melodien, bei denen sofort etwas anspringt. Nur fühlte sich dieses Zurückreisen diesmal anders an. Besser.

Als ich Anfang 20 war, habe ich solche Musik geliebt. Gleichzeitig hatte ich oft das Gefühl, in der dazugehörigen Welt nicht wirklich vorgesehen zu sein. Queer sein und Punk hören – natürlich ging das. Trotzdem gab es diese Bilder davon, welche Musik zu wem gehört. Als queerer männlich gelesener Mensch hätte ich gefälligst Madonna, Kylie oder Britney zu hören. Hab ich natürlich auch, aber Punk war irgendwie die andere Abteilung.

25 Jahre später steht mit Redd. ein trans Artist auf der Bühne und spielt genau diesen Sound. Ohne Erklärung. Ohne ihn erst queer umdeuten zu müssen. Er gehört einfach dazu. Und plötzlich stehe ich da und merke, dass mich das viel mehr berührt, als ich erwartet hatte. Es ist schon erstaunlich, was ein paar verzerrte Gitarren mit alten Erinnerungen anstellen können. Das war für mich weniger Nostalgie als eine kleine nachträgliche Korrektur meiner eigenen Jugend. Diesmal durfte ich in dieser Musik einfach vorkommen.

Ein Auftritt hat mir jedenfalls nicht gereicht. Ich bin zum zweiten Set am nächsten Tag direkt nochmals hin.

LIONSTORM – Raum nehmen, ohne vorher zu fragen

Ein komplett anderes Ende meines persönlichen Festival-Spektrums: LIONSTORM. Das niederländische Duo ist nicht nur musikalisch miteinander verbunden, sondern auch privat ein Paar. Auf der Bühne wird daraus eine ziemlich explosive Mischung. Laut. Sexy. Direkt. Manchmal absurd. Und vor allem vollkommen unbeeindruckt von der Frage, ob das gerade vielleicht jemandem zu viel sein könnte.

Das mochte ich. Queere Sexualität wurde hier nicht in Metaphern versteckt und auch nicht so lange weichgespült, bis sie niemanden mehr irritiert. LIONSTORM nahmen sich den Raum einfach. Ganz selbstverständlich.

Mindestens genauso spannend wie die Bühne war für mich allerdings die erste Reihe. Dort standen ein paar Menschen, die ich vorsichtig der Kategorie „hat vermutlich nicht gezielt nach explizitem lesbischen Rap gesucht“ zuordnen würde. Am Anfang: eher skeptische Gesichter. Dann ein erstes Kopfnicken. Noch etwas später wurde getanzt. Am Ende wurde ziemlich ausgelassen mitgefeiert. Ich musste die ganze Zeit grinsen. Vielleicht funktioniert kultureller Austausch manchmal tatsächlich so einfach: Zwei Lesben, ein mächtiger Bass und ein paar Minuten Zeit.

Jamaica Moana – Rap, Charme und ein Pelzmantel

Auch Jamaica Moana hatte mich ziemlich schnell. Rap, Empowerment, Humor und dazu diese besonders schillernde Art von Drag-Bühnenpräsenz, bei der man nicht das Gefühl bekommt, dass gerade mühsam Publikum „aktiviert“ werden soll. Das Publikum war einfach da und sofort mittendrin.

Jamaica Moana kann gleichzeitig sehr klar in der Haltung und sehr lustig sein. Das gefiel mir besonders gut. Denn Empowerment muss nicht ständig bedeutungsschwer daherkommen. Man darf dabei auch Spaß haben. Sehr viel sogar.

Und ja: She took the fur coat. Mehr muss ich zu diesem Moment eigentlich gar nicht sagen. Wer dort war, weiß es.

Remote Bondage – einfach mal bleiben

Remote Bondage sind wahrscheinlich das beste Beispiel dafür, warum meine Entscheidung, vorher nichts zu hören, funktioniert hat. Wäre mir die Musik zu Hause beim Durchskippen einer Playlist begegnet, hätte ich vielleicht nach einer halben Minute weitergedrückt. Zu dunkel. Zu sperrig. Nicht meine Baustelle.

Beim Festival stand ich aber nun einmal da. Also blieb ich. Noch einen Song. Und noch einen. Und irgendwann war aus „Was ist das denn?“ ein ziemlich eindeutiges „Oh, das ist gut“ geworden.

Live funktioniert Musik eben anders. Da sind Lautstärke, Raum, Körper, Performance und Publikum. Ein Song existiert plötzlich nicht mehr nur zwischen zwei Kopfhörern. Remote Bondage haben mich daran erinnert, wie schnell man Musik aussortiert, wenn ein Algorithmus und der eigene Daumen jederzeit die nächste Option bereithalten.

Auf einem Festival kann es sich lohnen, einfach mal stehenzubleiben. Ich will jedenfalls mehr wissen.

siovo und Baran Kok – wenn aus Songs Räume werden

Ganz unvoreingenommen war ich natürlich nicht überall. siovo und Baran Kok kannte ich schon vorher. Auf beide Konzerte hatte ich mich gefreut.

Bei siovo im Kaiserkeller wurde mir wieder bewusst, wie stark sich elektronische Musik live verändern kann. Auf Platte können diese Songs sehr präzise und produziert wirken. Im gut gefüllten Kaiserkeller war davon plötzlich ganz viel Körper da. Nähe. Druck. Verletzlichkeit. Ich mag diesen Widerspruch. Dass etwas sehr Persönliches nicht zwangsläufig leise sein muss.

Baran Kok hatte eine andere Energie. Hier war für mich besonders die Verbindung zwischen Bühne und Publikum spürbar. Es gab während dieser vier Tage einige solcher Momente: Ein queerer Artist steht vorne, viele queere Menschen stehen davor – und der Raum verändert sich.

Nicht, weil plötzlich alle dasselbe denken oder fühlen. Und auch nicht, weil automatisch jeder queere Raum ein sicherer Raum wäre. Dafür ist der Begriff Safe Space viel zu groß. Aber für eine Weile musste ich mich nicht erklären. Das war so ein großartiger Moment. Dieses kurze Gefühl von Selbstverständlichkeit.

Wann klingt eine Stimme eigentlich echt?

Die Erkenntnis, die mich vom Reeperbahn Festival wahrscheinlich am längsten begleiten wird, kam allerdings nicht aus einem Konzert. Sondern aus einem Panel.

LIE NING und Planningtorock sprachen über Stimme, Gender, Identität und die technischen Möglichkeiten, Stimmen zu verändern. Dabei blieb ein Gedanke bei mir hängen: Jeder Mensch sollte die Möglichkeit haben, die eigene Stimme so zu verändern, dass sie dem entspricht, was sich nach der eigenen inneren Stimme anhört.

Ich hatte darüber vorher nie so nachgedacht. Stark bearbeitete Stimmen habe ich häufig als Verfremdung wahrgenommen. Pitching, Formant-Shifting, Vocoder – all das verändert schließlich den Klang, der ursprünglich aufgenommen wurde. Aber warum soll genau dieser ursprüngliche Klang automatisch der „echte“ sein?

Gerade im Zusammenhang mit Gender Identity ist das eine spannende Frage. Die Stimme, die ein Körper produziert, muss schließlich nicht zwangsläufig die Stimme sein, in der sich ein Mensch selbst erkennt. Dann wäre technische Bearbeitung gar kein Entfernen vom Original, eher eine Annäherung.

Das hat meinen Blick auf elektronische Stimmen tatsächlich verändert. Seit diesem Panel höre ich anders hin. Nicht mehr zuerst: Warum wurde diese Stimme so stark bearbeitet? Sondern: Vielleicht klingt diese Person für sich genau so.

Ich mag den Gedanken sehr.

Kleine Clubs, volle Räume

Während ich von Venue zu Venue zog, fiel mir allerdings noch etwas anderes auf. Viele der queeren Artists auf meinem Timetable spielten auf eher kleinen Bühnen.

Grundsätzlich ist das überhaupt kein Problem. Das Reeperbahn Festival lebt schließlich von diesen Orten. Von Kellerclubs, kleinen Bühnen und Räumen, in die man eher zufällig stolpert und 45 Minuten später mit einem neuen Lieblingsact wieder herauskommt. Ich liebe das.

Nur waren einige dieser Räume eben auch rappelvoll. Und dann fängt man irgendwann an, sich zu fragen, warum so viele dieser Acts hier spielen und so wenige auf den wirklich großen Bühnen.

Auf der Spielbude XL habe ich bei meiner Recherche jedenfalls keinen queeren Act entdeckt. Vielleicht ist mir jemand durchgerutscht. Nach vier Tagen mit diesem Timetable würde ich sogar fast darauf wetten, dass irgendwo noch jemand war, den ich vorher einfach nicht gefunden habe.

Trotzdem bleibt die Beobachtung. Denn Sichtbarkeit bedeutet nicht nur, im Programm vorzukommen. Es macht einen Unterschied, ob ein Act in einem kleinen Club vor 200 Menschen spielt, die gezielt dorthin gekommen sind, oder draußen auf einer riesigen Bühne, an der während des Konzerts Tausende vorbeilaufen. Das eine ist nicht besser als das andere, aber es erreicht andere Menschen.

Umso mehr habe ich mich über Dream Wife im Docks gefreut. Großer Club. Große Bühne. Viel Publikum. Vor allem kein Gefühl davon, dass dort gerade irgendjemand einen Platz bekommen hat, weil im Line-up noch Diversität fehlte. Natürlich gehörten Dream Wife dorthin. Diese Selbstverständlichkeit wünsche ich mir häufiger.

Nicht weniger queere Artists in den kleinen Clubs. Mehr auf den großen Bühnen.

65 Kilometer Festival

Was man in so einem Rückblick schnell vergisst: Ein Festival besteht nicht nur aus den Momenten vor Bühnen. Es besteht auch aus sehr vielen Wegen dazwischen.

In meinem Fall aus ziemlich genau 65 Kilometern in vier Tagen.

65 Kilometer zwischen Kaiserkeller, St. Pauli, Docks, kleinen Clubs, Panels, falschen Abzweigungen, „ich muss jetzt wirklich los“-Momenten und der täglichen Erkenntnis, dass Hamburgs Pflastersteine irgendwann sehr persönlich werden können.

Trotzdem waren es gerade diese Wege, die viel von dem ausgemacht haben, was ich am Reeperbahn Festival mag. Weil man ständig jemandem begegnet.

Menschen, die man schon kennt. Menschen, die man bisher nur aus dem Internet kannte. Menschen, die man eigentlich nur kurz begrüßen wollte und mit denen man dann doch eine halbe Stunde irgendwo stehen bleibt.

Ich habe mich riesig gefreut, Caro Schwarz von MUSICSPOTS zu treffen, Biggy Pop wiederzusehen und Anke von „Nimmst du mich mit“ zu begegnen. Dazu kamen noch viele andere kurze und längere Begegnungen, Gespräche zwischen zwei Konzerten, Umarmungen am Straßenrand und dieses wunderbare „Ach, du bist auch hier!“, das auf Festivals irgendwann fast zur Standardbegrüßung wird. Diese Begegnungen gehören für mich genauso zum Festival wie die Konzerte. Wahrscheinlich sogar mehr, als es mir bewusst ist.

Vier Tage und keine „queere Musik“

Ich war vor dem Festival ziemlich neugierig darauf, was passiert, wenn ich meinen kompletten Timetable nach einem einzigen Merkmal zusammenstelle. Ehrlich gesagt hatte ich sogar ein bisschen Sorge, dass ich mir damit musikalisch selbst Grenzen setze.

Das Gegenteil ist passiert.

Ich habe Punk gehört und Rap. Elektronik und Synth-Pop. Ich bin bei Musik geblieben, bei der ich zu Hause vermutlich weitergeklickt hätte. Ich habe mich an meine Jugend erinnert und dabei festgestellt, dass sich eine Erinnerung 25 Jahre später noch verändern kann. Ich habe Menschen beim Tanzen beobachtet, von denen ich es fünf Minuten vorher nicht erwartet hätte und ich bin aus einem Panel gekommen, nachdem ich meine bisherige Vorstellung davon überdenken musste, was eine „echte“ Stimme ist.

Viel mehr kann ich von vier Festivaltagen eigentlich nicht verlangen.

Eine Definition für queere Musik habe ich dabei allerdings nicht gefunden.

Zum Glück.

Denn Queerness ist kein Genre. Kein bestimmter Beat. Keine Gitarrenfarbe. Keine Art zu singen. Sie kann laut sein oder leise, politisch oder albern, sexy oder verletzlich. Manchmal alles gleichzeitig.

Ich bin mit einem Glitzer-Timetable losgezogen, auf dem Namen, Uhrzeiten und Spielstätten standen. Zurückgekommen bin ich mit einem deutlich größeren musikalischen Horizont, ziemlich müden Beinen und noch mehr Lust darauf, weiter zu entdecken.

Und bevor ich diesen Rückblick zumache, gehört auch ein Danke dazu: an das Team des Reeperbahn Festivals. Vier Tage Festival, Conference, unzählige Bühnen, Clubs, Panels und Menschen zusammenzubringen, ist eine ziemlich absurde logistische Leistung. Als Besucher*in sieht man davon meistens nur den Teil, der funktioniert. Umso mehr Respekt für all die Arbeit dahinter.

Fürs nächste Jahr habe ich eigentlich nur einen Wunsch: Ich werde sehr gerne wieder in irgendwelche Keller steigen, aber ein bisschen mehr Glitzer auf den großen Bühnen könnte wirklich nicht schaden.

Reeperbahn Festival Fritz Cola Stage

Fotocredit: Andreas Seibert-Wussow

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