Leopold ist eine der umtriebigsten Stimmen unserer Community. Wenn man seinem Instagram-Account folgt, hat man das Gefühl, der genderfluide Sänger aus Berlin tritt bei so ziemlich jedem CSD in Deutschland und Europa auf. Für mich war Leopold von Anfang an einer der Artists, über die ich hier schreiben wollte, und trotzdem hat es so lange gedauert. Das hat einen Grund!
Wenn ein Schockmoment alles verändert
Nachdem ich den ersten Artikelentwurf fertig hatte, öffnete ich am 22. Mai 2026 meine Instagram-Timeline und war tief erschüttert. Leopold saß mit einem deutlich sichtbaren blauen Auge vor der Kamera und erzählte Verstörendes: Er wurde von einem Grindr-Date zu Hause überfallen. Aus einem Täter wurden zwei, und am Ende kam ein dritter dazu. Er wurde gedemütigt, beraubt und misshandelt. Es wurden Fotos in Unterwäsche gemacht und versucht, Zugang zu seinem Online-Banking zu bekommen. Die ganze Tortur dauerte mehrere Stunden. Was für ein Albtraum.
Und doch stand Leopold auf, zeigte die Täter an und ließ sich nicht einschüchtern. Wie unglaublich mutig! Die Schuld liegt bei den Tätern, aber die Scham oft bei den Opfern, und das darf nicht sein! Das, was Leopold geschehen ist, passiert fast täglich in unserer Community. Doch aus Angst vor dem Outing, vor vermeintlich peinlichen Fotos oder vor Häme verstummen viele. Danke, dass du das nicht getan hast, Leopold!
Wut in Kraft verwandeln
Ich wollte eigentlich über die Musik von Leopold schreiben. Aber dieser Moment hat so viel verändert und meine Perspektive auf Leopold noch einmal verschoben; das musste auch ich erst einmal verdauen. Außerdem wollte ich nicht auf einen reißerischen Zug aufspringen. Nun schreibe ich doch darüber, denn genau dieser Mut macht ihn aus.
Leopold empowert Menschen mit seinen Songs und brauchte erst einmal selbst jedes Fünkchen Kraft. Seine Fanbase hat ihn aufgefangen und die Community auch, obwohl es auch Hater-Stimmen gab, zu genüge. Aber Leopold ging zurück auf die Bühne und sprach mit Politiker*innen darüber, wie man Online-Dating sicherer machen könnte. Er nutzte seine queere Superpower, in allem Schlechten auch das Gute zu sehen: die Wut in Kraft zu verwandeln und etwas zu ändern.
Queer Power Pop mit klarer Message
Er gehört zu den meistgebuchten Artists für CSDs in ganz Europa, hat beim Vorentscheid für den Eurovision Song Contest mitgemacht und war in den Top 30. Leopold hat ein Album veröffentlicht, drei EPs und zwei Dutzend Singles. Auf TikTok folgen ihm über 150.000 Menschen.
Wie kann man seine Musik einordnen? Seine Musik bezeichnet er als Queer Power Pop. In seinen Songs geht es um Themen wie Freiheit, Gerechtigkeit, Selbstbestimmung, queeres Empowerment, Klimaschutz, Inklusion und den Abbau gesellschaftlicher Barrieren. Einen Song ohne klare Message wirst du bei ihm nicht finden. Ich kann bei seinen Songs die Referenzen zu den großen Pop Diven klar erkennen und ich liebe es!
Der neueste Song heißt Phantom, ein Song für alle, die keine Lust mehr haben, sich zu verstecken, zu ducken oder in eine Schublade stecken zu lassen. Ein Dance-Song mit harten Eurovision-Vibes: großes Drama, Falsett-Passagen, düstere Flüster-Parts. Das hört sich nach großer Bühne, einer krass aufwendigen Lichtshow und dem ausgiebigen Einsatz der Windmaschine an, während Leopold den Reißverschluss beim Trickkleid öffnet. Das macht einfach Spaß.
Die Magie der Authentizität
Die Songs sind wirklich gut und groß produziert: Pop mit Queer Joy. Und diese Freude spürt man in jedem Song. Die Freude, nicht ins Raster zu passen, so zu lieben, wie man möchte, und einfach mal einen F*ck auf alle anderen zu geben. Leopold lässt sich nicht darauf reduzieren, dass dort ein geschminkter Mann mit Glatze, Glitzerkleid und High Heels auf der Bühne steht, wie es die Hater gerne machen. Klar polarisiert das, aber er ist so, und wir sind so.
Wer sich so exaltiert in die Öffentlichkeit stellt, muss leider jede Menge Gegenwind ertragen. Das kommt nicht nur von außen, sondern manchmal sogar aus unserer eigenen Community, der Menschen wie Leopold zu laut sind. Aber das macht ihn nur noch stärker! Das bewundere ich zutiefst, und wenn das mit so viel Talent einhergeht, erst recht.
Das ist die Kraft des Stolzes!
Ach, was ich noch sagen wollte: Meine Lieblingsvideos sind übrigens die, wenn Leopold ungeschminkt im schwarzen T-Shirt im Zug sitzt und zu lesen ist: „Die Menschen im Zug wissen nicht, dass ich später so auf der Bühne stehen werde.“ Schnitt. Bühnenauftritt im Glamour-Outfit.
Meine Anspiel-Tipps sind natürlich Phantom, aber auch die älteren Songs Paradise und This.
Fotocredits: Leopold, Sandra Ludewig
