Liebe als Superkraft, das kann schnell nach Kalenderspruch und Glitzerherzchen klingen. Bei Stefan Waldow und dem Hamburger Kneipenchor klingt es nach Aufstehen, Zusammenrücken und verdammt vielen Stimmen.
„SUPER POWER LIEBE“ trifft dabei einen ziemlich wunden Punkt. Rechtsruck, Hetze in den sozialen Medien und zunehmende queerfeindliche Gewalt. Gerade fühlt es sich manchmal an, als würden wir gesellschaftlich nicht vorankommen, sondern rückwärts über unsere eigenen Füße stolpern. Oder, wie es im Song heißt:
Eine Frage, die vermutlich viele von uns in letzter Zeit häufiger beschäftigt hat.
Mit Herz und Verstand durchs Land
Stefan Waldow bleibt nicht bei Wut und Ohnmacht stehen. Gemeinsam mit dem Hamburger Kneipenchor macht er daraus einen Song, der Menschen zusammenbringen will. Nicht leise, nicht vorsichtig und schon gar nicht neutral.
Entstanden ist „SUPER POWER LIEBE“ im Rahmen von SONG UP!. Das Projekt der Produzenten Alex Henke und Olman Wiebe ermutigt Musikschaffende, mit ihren Songs Haltung zu zeigen. Mehr als 340 Titel wurden eingereicht. Produzent Toma Moon von der Mondbasis Hamburg entschied sich für Stefans Song und entwickelte ihn gemeinsam mit ihm im Studio weiter.
Der Kneipenchor ist dabei weit mehr als hübsche Begleitung im Refrain. Die vielen Stimmen geben dem Song die Kraft, die er braucht. Plötzlich singt dort nicht mehr nur ein Einzelner gegen das an, was gerade schiefläuft. Da steht eine ganze Gruppe und sagt: Wir sind noch da. Und wir überlassen das Feld nicht denen, die am lautesten hetzen.
Das ist groß, pathetisch und beinahe gospelartig. Gerade jetzt fühlt sich das so richtig an. Ein vorsichtiges Räuspern hätte der aktuellen Lage schließlich auch nicht besonders viel entgegenzusetzen.
Der Kneipenchor als gelebter Gegenentwurf
Gemeinschaft spielt in Stefan Waldows Arbeit schon lange eine wichtige Rolle. Früher organisierte er mit Sängerknaben & Sirenen Konzerte im Gängeviertel und im Indra, heute leitet er verschiedene Chöre. Immer wieder geht es darum, Menschen miteinander zu verbinden und Räume zu schaffen, in denen sie sich sicher und willkommen fühlen können.
Beim Hamburger Kneipenchor bleibt Diversität nicht auf dem Veranstaltungsflyer kleben. Rücksichtnahme, Offenheit und gegenseitige Unterstützung gehören dort zum gemeinsamen Singen dazu. Ein kleiner Gegenentwurf zu einer Gesellschaft, in der immer häufiger übereinander gesprochen und immer seltener einander zugehört wird.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Stärke des Songs: „SUPER POWER LIEBE“ behauptet nicht, dass sich Hass mit ein bisschen Nettigkeit in Luft auflöst. Liebe wird hier nicht als romantischer Zaubertrick verstanden, sondern als Entscheidung. Als Haltung. Als Bereitschaft, füreinander einzustehen und gemeinsam laut zu werden.
Amor-Man hat Liebeskummer
Am 15. September wird das Musikvideo erstmals im TBA Ottensen gezeigt, drei Tage später erscheint es offiziell. Darin ist Amor-Man ziemlich am Ende: Seine Pfeile treffen nicht mehr und statt anderen Menschen Liebe zu bringen, schleppt er selbst Liebeskummer mit sich herum. In einer Bar begegnet er schließlich einer Gruppe, die ihn wieder aufpäppelt mit Umarmungstraining, Liebesperlenshots und reichlich Herzchenkonfetti.
Das dürfte wunderbar schräg werden.
Vor der Kamera stehen Judith Bohle, Ella Mainholz, Christian Hackenberg, Stefan Waldow und der Hamburger Kneipenchor. Torben Asmussen, der bereits Videos für Phil Siemers und Fjarill gedreht hat, führte Regie und übernahm Kamera und Schnitt. Das Konzept entwickelte er gemeinsam mit Stefan Waldow, die Aufnahmeleitung lag bei Ann-Kristin Bardi. Ich möchte jetzt jedenfalls wissen, ob Amor-Man am Ende wieder trifft – und wie viel Herzchenkonfetti überhaupt in eine Hamburger Kneipe passt.
Mehr als eine schöne Botschaft
Dass „SUPER POWER LIEBE“ rund um den Internationalen Tag der Demokratie am 15. September erscheint, ist kein Zufall. Nach dem Angriff auf den Berliner CSD nutzten Stefan Waldow und der Hamburger Kneipenchor den Song bereits in den sozialen Medien, um Solidarität zu zeigen und sichtbar Stellung zu beziehen.
Natürlich wird ein Song allein keinen Rechtsruck aufhalten. Aber Musik kann Menschen erreichen, Mut machen und daran erinnern, dass niemand mit der eigenen Wut oder Angst allein bleiben muss. Und wenn viele Stimmen zusammenkommen, wird aus einem einzelnen Gedanken plötzlich etwas, das sich nicht mehr so leicht überhören lässt.
Vielleicht ist Liebe tatsächlich eine Superkraft. Nicht, weil sie alle Probleme einfach verschwinden lässt – sondern weil sie uns einen Grund gibt, gemeinsam etwas gegen sie zu unternehmen.
Fotocredits: Julia Schwendner
