Remote Bondage habe ich beim Reeperbahn Festival 2026 endlich live erleben dürfen und ich war sofort hin und weg. Auf den sozialen Medien folge ich der Band schon länger und konnte die vielen Auftritte auf den Festivals verfolgen. Das ist eine Band, die man unbedingt live erleben muss. Sie schaffen es, das komplette Publikum mitzunehmen, uns gemeinsam tanzen und über das Augenzwinkern in den Texten lachen zu lassen.
Ich freue mich sehr, dass ich Remote Bondage meine Fragen stellen durfte. Hier ist das Interview:
Ihr habt drei Sängerinnen und keine klassische Frontperson. Wie entscheidet ihr, welche Stimme einen Song erzählt – und gab es schon einen sehr persönlichen Text, den am Ende bewusst eine andere Person gesungen hat?
Tatsächlich versuchen wir in erster Linie drauf zu achten, welche Songzeilen von der Tonlage und Inhalt zu welcher Stimme am besten passen, da wir drei so unterschiedliche Stimmfarben haben. Inhaltlich entscheiden wir da weniger „absichtlich“, weil die Texte meist alle in einem gemeinsamen Prozess entstehen und die Sprache von jeder von uns in jedem Satz steckt. Manchmal verteilen wir aber auch einfach danach, wer welchen Part am meisten mag, und diejenige darf den dann singen – bisher konnten wir uns da immer gut abwechseln und einigen 🙂
Ihr verhandelt ernste Themen oft mit sehr viel Humor. Woran merkt ihr beim Schreiben oder auf der Bühne, ob ein Witz ein Thema zugänglicher macht – und wann besteht die Gefahr, dass das Publikum nur über die Pointe lacht und die eigentliche Aussage überhört?
Unserer Meinung nach hilft es selbst dann, wenn man nur über die Pointe lacht, sich mit unseren Themen auseinanderzusetzen, denn Exposure ist Exposure! Darüber, wie etwas aufgefasst wird, kann man sich endlos den Kopf zerbrechen, also formulieren wir unsere Texte so, wie wir sie verstehen – und heutzutage braucht es einfach viel Humor, um nicht an vielem zu verzweifeln. Witze und Humor sind ein großer Teil unserer Musik, weil sie auch ein großer Teil unserer Freundschaft sind, und unserer Meinung nach erreichen wir mit einem nicht-erhobenen Zeigefinger, sondern mit relatable Situationen und einem Zwinkern im Auge mehr als mit strengen moralischen Aussagen – das wurde langsam aber sicher einfach zu unserem Stil. Wenn wir dann aber mal einen ernsten und aufrichtigen Song schreiben wollen, weil es zu manchen Themen eben auch nicht viel zu Lachen gibt, machen wir auch das, und nehmen uns dann extra viel Zeit beim Schreibprozess („so kann’s nicht bleiben“).
Auf „GOOD GIRL“ schickt ihr das angepasste, freundliche und pflegeleichte Mädchen in die Hölle. Gleichzeitig erwartet die Musikindustrie von jungen Bands oft genau das: verfügbar, dankbar, unkompliziert und gut vermarktbar zu sein. In welchen Situationen müsst ihr selbst noch „Good Girls“ sein, um in dieser Branche voranzukommen?
Ja, GOOD GIRL sein hört leider nicht so leicht auf, aber wir arbeiten immer weiter dran, weniger good zu sein – es ist ein Prozess! Situationen, in denen wir vielleicht noch etwas „zu good“ sind, ist beispielsweise unsere Devise, viele Gigs zu spielen, auch wenn andere Männerbands vielleicht besser dafür bezahlt würden, frühere Slots auf Festivals zu spielen, weil zur Prime-Time die Menners rocken sollen, und nicht zu nackt, aber auch nicht zu konservativ aufzutreten, weil man eben doch das Publikum einfach mitdenken muss und die Auftritte nicht im Vakuum stattfinden. Ansonsten sind wir aber schon ziemliche Baddies geworden und bleiben da dran!
Ihr bezeichnet euch als queerfeministische Band. Wann schafft diese Bezeichnung Sichtbarkeit und Verbindung – und wann wird sie zu einer Schublade, durch die plötzlich jeder Song und jede Äußerung von euch eine politische Botschaft liefern soll?
Die Bezeichnung schafft tatsächlich in erster Linie Sichtbarkeit, Verbindung und auch hoffentlich einen Ort, an dem sich queere Menschen gesehen, verstanden und unkommentiert fühlen können! Dass es gleichzeitig eine Schublade ist, durch die alles, was wir machen, politisch bewertet wird, ist uns bewusst, aber gar nicht negativ – jede Form von Kunst und Musik ist politisch, auch wenn sie sagt, dass sie es nicht ist, genauso wie Partizipation in der Gesellschaft immer politisch ist, vor allem, wenn man marginalisiert oder diskriminiert wird, und in diesen Rahmen fällt eine queerfeministische Identität eben. Wir sind stolz darauf, ein Sprachrohr für alle sein zu dürfen, die es selbst nicht schaffen oder wollen, eines zu sein, und mit unserer stilistischen sowie politischen Einordnung auch alltägliche Themen mit politischem Bewusstsein zu betrachten – das muss nämlich auch nicht immer nur ernst, starr und hochgestochen sein, denn, naja, alles ist halt politisch!
In „Madonna vs. Britney“ stellt ihr euch gegen die Erzählung, dass es unter Frauen und FLINTA* nur Platz für eine Person an der Spitze geben könne. Wie stabil bleibt diese Solidarität, wenn befreundete Acts tatsächlich um denselben Festivalslot, dieselbe Förderung oder dieselbe Aufmerksamkeit konkurrieren? Habt ihr erlebt, dass die Musikbranche versucht, solche Konkurrenz gezielt herzustellen?
Natürlich ist man mal neidisch, wenn man sieht, dass andere geile FLINTA*-Acts die Gigs oder Supports spielen, die man selbst auch gerne gespielt hätte, aber nicht ANSATZWEISE so, wie wenn diese “wieder eine normale Männerband” kriegen – wir feiern es einfach ganz doll, wenn wir sehen, dass Bands, die wir kennen, die mit uns angefangen haben, die wir geil finden, ihren Weg weiter nach vorne gehen und für uns alle representen! So genau kriegt man auch nicht mit, wer um was exakt konkurriert, was auch ein großer Vorteil für die bestehenbleibende Solidarität ist, haha, aber generell versuchen wir einfach auch jeden Tag diesen Konkurrenzgedanken hinten anzustellen und uns eher inspirieren zu lassen, genau diese Acts in die Playlists vor und nach unseren Gigs einzubauen und uns gegenseitig zu supporten! Am eigenen Leib haben wir so eine gezielt hergestellte Konkurrenz (noch) nicht erleben müssen, weil wir auch immer sehr viel Unterstützung für und Glück mit unserem Projekt hatten, aber natürlich kommt man sich von der Branche ab und zu verarscht vor, wenn bei Event XY wieder explizit “eine FLINTA* Band” gecastet/gesucht wird, um das Line-up zu diversifizieren. Da wir da aber natürlich weniger in der Orga als auf der Bühne stecken, versuchen wir dafür eben mit den Bühnen, die uns geboten sind, auf Tour und eigenen Konzerten, FLINTA* vorne anzustellen und so vielen wie möglich durch Supportslots oder Features einen Raum zu eröffnen!
Viele Songs auf „GOOD GIRL“ entstanden, bevor das Album, die größeren Bühnen und die wachsende Aufmerksamkeit da waren. Welcher Song oder welche Zeile fühlt sich für euch heute anders an als beim Schreiben – und warum?
Überraschenderweise fühlen sich alle Zeilen und Songs irgendwie noch gleich an, bis auf die Tatsache, dass sie an so viel Leben gewonnen haben – durch das Ausproduzieren, durch das Live-Spielen und auch live mit dem Publikum erleben! So viele, wenn nicht sogar alle unserer Songs leben einfach auf der Bühne am meisten! Vor und mit einer riesigen Menschenmenge zu singen, dass wir uns alleine fühlen, und das dadurch dann irgendwie nicht mehr sind; davon zu singen, dass man sich mehr lieb haben soll und man sich Leute in den Armen liegen und aufeinander zu galoppieren sieht, dass wir alle und auch unsere Hörer*innen jeden Tag damit strugglen und gleichzeitig daran arbeiten, das scheiß GOOD GIRL hinter sich zu lassen – das sind einfach Themen, die aktuell waren, es sind und leider auch bleiben werden, weil das kack Patriarchat leider nicht von heute auf morgen umgekrempelt werden kann. Aber in diesem Sinne war das das Geschenk des Albums an uns und auch alle, die uns zuhören – alte Zeilen und alte Zeiten mit nach heute und morgen zu nehmen und weiter an eine Gesellschaft zu glauben, in der diese Songs dann irgendwann vielleicht an Relevanz verlieren, weil die Themen dann nicht mehr besungen werden müssen. Wir hoffen darauf, hoffen, dass ihr uns weiter dabei begleitet, schreien unsere Hoffnung und Wut weiter in die Welt raus – und das ganz bald auch schon mit ganz neuen Zeilen <3
Danke, Remote Bondage, dass ihr euch die Zeit für meine Fragen genommen und so offen geantwortet habt. Besonders schön finde ich, wie konkret ihr andere FLINTA*-Acts unterstützt, bis hin zu Supportslots und gemeinsamen Features. Nach eurem Auftritt beim Reeperbahn Festival war ich schon hin und weg. Und wer euch bisher nur vom Bildschirm kennt: Geht zu einem Konzert und tanzt mit!
Fotocredit: CAPADOL
