Pablo Brooks Interview

„Radikale Ehrlichkeit gegen die Scham“ – Pablo Brooks im Interview über „Lover in The Dark“

Kurz vor dem Release seiner neuen Single „Lover in The Dark“ durfte ich Pablo Brooks ein paar Fragen stellen. Es wurde kein typisches Interview sondern ein tiefer, ungeschönter Blick in die Gefühlswelt hinter dem Song, über die Diskrepanz von Ekstase und Trauer und darüber, warum queere Kids weniger allein sein sollten.

Die Frage nach dem „Nachbeben“

„Lover in The Dark“ fühlt sich an wie ein Song, den man erst schreiben kann, wenn man emotionalen Sicherheitsabstand zu einer Situation gewonnen hat. Gab es beim Schreiben in deiner Wohnung diesen einen Moment, in dem du gemerkt hast: „Verdammt, das tut beim Aufschreiben immer noch genauso weh wie damals“ – oder war der kreative Prozess eher ein Act der endgültigen Befreiung?

Pablo Brooks: Als ich angefangen habe, den Song zu schreiben, war mir gar nicht so richtig bewusst, worüber ich eigentlich schreibe. Ich glaube, erst im Laufe des Songwritings hat sich herausgestellt, was für eine Geschichte ich da erzähle und was für ein Song das eigentlich ist. Irgendwann kam dieser Refrain einfach aus mir rausgeschossen, komplett ohne Vorankündigung.

Danach hab ich kurz rumgerätselt, was dieser Song für mich bedeutet, und gemerkt, dass ich eine Geschichte aus der Vergangenheit erzähle. Das passiert relativ oft bei mir. Ich schreibe sehr intuitiv und merke erst im Nachhinein, woher diese Geschichte kommt. Dann ist es fast wie puzzeln, man setzt die Stücke aus der eigenen Vergangenheit zusammen, bis man versteht, worum es im Song eigentlich geht.

Es tut schon noch ähnlich weh, diesen Song zu hören, weil ich weiß, dass dieser Schmerz irgendwo noch in mir drin steckt. Aber ich hab das Gefühl, dass das Verewigen dieses Songs und dieses Gefühls etwas verwandelt und aus schlimmen Gefühlen etwas Schönes und Poetisches machen kann.

Die Frage nach der visuellen Diskrepanz

Die Zeile mit der Party zum 21. Geburtstag tut beim Hören physisch weh, weil sie diese grausame Diskrepanz zeigt: Du lädst jemanden in dein helles, reales Leben ein, aber diese Person will dich nur im Dunkeln. Wie schafft man es künstlerisch (und menschlich), aus so einer tiefen Demütigung einen Synth-Pop-Song zu machen, zu dem Menschen auf der Tanzfläche am Ende vielleicht sogar befreit mitsingen?

Pablo Brooks: Seit Anfang meiner Karriere hab ich immer gesagt, dass für mich die spannendste Emotion die Diskrepanz zwischen Ekstase und Trauer ist. Ich hab das Gefühl, zwischen diesen beiden Zuständen schwebt meine Musik immer ein bisschen.

Für mich hat sich Trauer immer so angefühlt, dass ich es interessanter finde, einen super traurigen Text in eine Welt zu packen, die euphorischer klingt als das eigentliche Gefühl. Ich glaube, genau das macht für mich gute Popmusik aus.

Das geht wahrscheinlich sehr auf meine musikalische Sozialisierung zurück. Ich fand Popmusik immer dann am spannendsten, wenn sie vielschichtig war und verschiedene Ebenen hatte. Am Ende möchte ich Geschichten aus meinem Leben erzählen und trotzdem Popmusik machen, zu der ich und andere Leute tanzen können. Diese zwei Sachen zu verbinden ist, glaube ich, mein Ziel.

Die Frage nach der „Mitschuld“ der Popkultur

Du hast mal beschrieben, dass Popmusik dich durch deine Jugend gerettet hat, aber eben selten für Menschen wie dich geschrieben wurde. Wenn du heute zurückblickst: Glaubst du, dass die klassischen, heteronormativen Pop-Hymnen unserer Kindheit uns unbewusst beigebracht haben, dass queere Liebe immer kompliziert, versteckt oder tragisch sein muss, um dramatisch genug für einen guten Song zu sein?

Pablo Brooks: Ich glaube, das Schwierige war, dass wir als queere Menschen immer versucht haben, heterosexuelle Geschichten auf unser Leben zu übertragen, obwohl unser Leben und unsere Entwicklung oft ganz anders aussehen.

Ich glaube, wir haben versucht, dasselbe zu suchen wie heterosexuelle Menschen, weil uns das durch Kunst, Filme, Musik und andere Medien beigebracht wurde. Gleichzeitig gab es einfach zu wenig Repräsentation dafür, wie queeres Leben wirklich aussieht.

Ich glaube nicht, dass queere Liebe tragisch sein muss. Sie muss nicht versteckt stattfinden und nicht in der Dunkelheit passieren. Sie kann schön, sanft, ehrlich und menschlich sein. Aber viele queere Menschen lernen das erst später im Leben. Genau deshalb möchte ich Musik machen, die dieses Narrativ verändert.

Die Frage nach der eigenen Schmerzgrenze

Wenn man Songs komplett in Eigenregie schreibt und produziert, gibt es keinen Filter und kein Label-Komitee zwischen dem eigenen Schmerz und dem Mikrofon. Gab es bei „Lover in The Dark“ eine Zeile, die du fast wieder gelöscht hättest, weil sie dir zu nackt, zu verletzlich oder vielleicht sogar zu unfair gegenüber der anderen Person vorkam?

Pablo Brooks: „And I’m only ever lovable enough when you need me to come over and show you that I’m desperate enough to be this masochistic“ ist eine Zeile, bei der es mir fast zu unangenehm war, sie zu schreiben, weil so viel Selbstscham und Verletzlichkeit darin steckt.

Aber mir ist aufgefallen, dass ich mir als Mission gesetzt habe, authentische Songs über meine Erfahrung als queerer Mensch zu schreiben und ehrlich in meiner Musik zu sein. Und das bedeutet eben auch, verletzlich zu sein.

Für mich ist ein integraler Teil meiner Musik, diese Scham tiefer zu verstehen und das funktioniert nur durch radikale Ehrlichkeit.

Die Frage nach dem „inneren Kind“

Wenn der Teenager, der sich damals in seiner Jugend als Außenseiter gefühlt hat, heute den fertigen Song „Lover in The Dark“ hören könnte: Würde er sich durch den Song verstanden und gesehen fühlen, oder würde er vor dem Schmerz erschrecken, der da emotional noch auf ihn zukommt?

Pablo Brooks: Ich hoffe natürlich, dass er sich verstanden fühlen würde. Aber ich glaube oft, dass die besten Songs sich mit der Zeit entwickeln.

Ich würde mir wünschen, dass es ein Song wäre, den ich damals vielleicht nicht komplett verstanden hätte, der sich aber trotzdem wie ein Spiegel angefühlt hätte. Ich glaube, die beste Musik lässt uns gehört und verstanden fühlen.

Ich bin kein Mensch, der radikalen Optimismus in Songs liebt. Deshalb schreibe ich nicht gern Zeilen wie „Alles wird gut“, weil diese Gewissheit für mich nicht existiert.

Aber es gibt ein großes Maß an Comfort darin zu wissen, dass man mit einem Gefühl nicht allein ist. Und genau das möchte ich mit meiner Musik bewirken, dass queere Kids, die nicht wissen, wo sie hingehören, sich am Ende weniger allein fühlen.

Vom Interview zurück zum Song: Meine Gedanken zu „Lover in The Dark“

Pablos Brooks Antworten zeigen genau das, was man in jeder Sekunde des Songs spüren kann: Hier ist nichts kalkuliert, hier ist alles echt. Es gibt im Pop aktuell wenige Artists, die so unprätentiös und radikal ehrlich in ihre eigenen Wunden fassen wie Pablo Brooks.

Bevor wir dieses Interview geführt haben, habe ich versucht, das emotionale Chaos, das dieser Song in mir ausgelöst hat, in Worte zu fassen. Wenn du wissen willst, warum mich die Zeile mit der Geburtstagsparty so heftig erwischt hat und warum „Lover in The Dark“ die ungeschönte Realität queerer Jugend perfekt einfängt:

Das Debütalbum von Pablo Brooks erscheint demnächst. „Lover in The Dark“ ist ab sofort auf allen Streaming-Plattformen verfügbar.

Fotocredits: Pablo Brooks

Kein Spam, kein Dauerfeuer. Du bekommst eine Nachricht, wenn neue Artikel erscheinen und kannst dich jederzeit wieder abmelden.
Ich stimme zu, dass meine E-Mail-Adresse für Benachrichtigungen über neue Beiträge von QUEERDURCHSLAND music gespeichert und verarbeitet wird. Die Datenschutzhinweise habe ich gelesen.
Pablo Brooks

PABLO BROOKS – „LOVER IN THE DARK“ TUT WEH (UND DAS IST ABSOLUT SO GEWOLLT)

Kennst du diese Songs, die plötzlich Erinnerungen hochspülen, von denen du dachtest, sie wären längst tief vergraben? Nicht mal unbedingt die eigenen Erlebnisse, sondern vielmehr dieses Gefühl von damals. Eine ganz bestimmte Stimmung, ein Flashback – und plötzlich bist du wieder voll drin.
Elleno

ELLENO – Ein Rohdiamant, auf den man achten sollte!

Elleno ist ein Rohdiamant. Viel zu erzählen, ein wenig schüchtern, tiefe Texte. Dazu eine unglaublich sympathische leichte Unsicherheit.
VIP-Cover-c-Nika-Holub-4

Skofi hat keinen Bock mehr auf das ganze Spiel

„Brauch kein’ VIP, check’ mir lieber Therapie.“ Mehr muss man eigentlich gar nicht wissen, um zu verstehen, wo Skofi gerade steht. Die neue Single „VIP“ erscheint am 22. Mai und klingt nicht nach Promo-Text, nicht nach Albumkampagne, nicht nach irgendeinem durchgeplanten nächsten Schritt.
Krach+Getöse

KRACH+GETÖSE 2026 startet wieder durch

Der Hamburg Music Award KRACH+GETÖSE geht in die nächste Runde. Bereits zum 18. Mal suchen RockCity Hamburg e.V. und die Haspa Musik Stiftung neue Acts aus Hamburg und der Metropolregion, die nicht einfach nur Musik machen, sondern eine eigene Handschrift mitbringen.
Echoes of Solidarity
Am 20. Juni 2026 wird die Fabrique im Hamburger Gängeviertel nicht einfach nur ein Ort für elektronische Musik sein. Die Soli-Release-Party verbindet Clubkultur mit sozialer Verantwortung und erzählt eine Geschichte, die weit über Hamburg hinausgeht.
Gottmik Tour 2026
Gottmik hat mit Old-School Drag gar nichts mehr zu tun. Gottmik ist Kunst. Als ich mich tiefer mit Gottmik beschäftigt habe, war mein erster Gedanke nicht „Drag Race Queen“.

Ein Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert