Planningtorock und Lie Ning beim Reeperbahn Festival 2026

Ich bestimme, wie meine Stimme klingt, nicht Du!

Ich habe stark bearbeitete Stimmen lange mit einer gewissen Skepsis gehört. Wenn Auto-Tune deutlich hörbar wurde, eine Stimme plötzlich mehrere Etagen tiefer rutschte oder so lange digital verbogen wurde, bis kaum noch zu erkennen war, wer da eigentlich singt, kam bei mir ziemlich schnell die Frage: Warum lässt man die Stimme nicht einfach so, wie sie ist?

Dann saß ich beim Reeperbahn Festival im Panel „No Straight Lines: LIE NING in Conversation with Planningtorock“ und meine schöne, aufgeräumte Vorstellung von der „echten Stimme“ bekam ein Problem.

LIE NING und Planningtorock sprachen über Stimme, Gender und darüber, was Technik mit der eigenen künstlerischen Identität machen kann. Planningtorock arbeitet seit vielen Jahren mit elektronischer Stimmbearbeitung. Dabei lassen sich sowohl die Tonhöhe als auch die Klangfarbe verändern, über die wir Stimmen oft ziemlich selbstverständlich als männlich oder weiblich einordnen. Genau dieses Queeren der Stimme war eines der Themen des Panels.

Und irgendwann hing bei mir ein Gedanke fest: Wer hat eigentlich beschlossen, dass die unbearbeitete Stimme automatisch die echte ist?

Mein Denkfehler saß ziemlich tief

Ich glaube, ich hatte Technik und Authentizität unbewusst gegeneinander ausgespielt. Da ist auf der einen Seite die Stimme, die aus einem Körper kommt. Naturbelassen, vermeintlich wahr. Und sobald Software dazwischenkommt, beginnt die Verfremdung. Das klingt erst einmal logisch. Bis man ein bisschen länger darüber nachdenkt.

Auf einer Popaufnahme hören wir eine Stimme schließlich kaum je so, wie sie einen Körper verlässt. Da stehen Mikrofone. Stimmen werden komprimiert, Equalizer verändern Frequenzen, Hall schafft Räume. Durch Dopplungen kann eine einzelne Stimme plötzlich riesig klingen. Niemand hört eine Popproduktion und ruft empört: „Moment! Da ist ein Kompressor drauf! Das bist doch gar nicht wirklich du!“

Aber sobald eine Stimme hörbar gepitcht wird und dabei vielleicht sogar unsere Vorstellung davon durcheinanderbringt, welches Geschlecht wir ihr zuordnen möchten, scheint eine Grenze erreicht.

Für Jam Rostron, die Person hinter Planningtorock, war gerade die bearbeitete Stimme eine Möglichkeit, sich selbst wiederzuerkennen. Im Gespräch mit der Red Bull Music Academy beschrieb Jam Rostron schon 2018, wie viel näher sich diese Stimme an der eigenen Identität anfühlte. Das Pitching half auch dabei, die eigene genderqueere Identität zu verstehen und auszudrücken.

Wenn eine unbearbeitete Stimme für mich authentischer klingt, sagt das zunächst einmal etwas über meine Hörgewohnheiten aus. Ob sich die Person vor dem Mikrofon darin selbst erkennt, kann ich daraus nicht ableiten.

Wer entscheidet, wie ein Mensch zu klingen hat?

Mit Stimmen werden wir ständig eingeordnet. Am Telefon reichen manchmal zwei Wörter, und das Gegenüber glaubt bereits zu wissen, welches Geschlecht da spricht. Wir lesen Geschlecht aus Tonhöhen, Resonanzen und Sprechweisen, meistens, ohne darüber nachzudenken. Und dann kommt jemand wie Planningtorock und dreht an einem Regler. Plötzlich funktioniert diese schnelle Zuordnung nicht mehr. Ich finde das inzwischen ziemlich großartig.

Wir verändern unsere Haare, Kleidung und Körper. Wir trainieren Stimmen, sprechen anders in unterschiedlichen Situationen, übernehmen Dialekte oder versuchen sie loszuwerden. Sänger*innen lernen jahrelang, ihre Stimme anders einzusetzen, als sie es beim normalen Sprechen tun würden. Warum sollte ausgerechnet elektronische Bearbeitung plötzlich Täuschung sein?

Planningtorock hat von einem TC-Helicon-Gerät erzählt, das tatsächlich eine Funktion mit der Bezeichnung „Gender“ besitzt. Auch in einem Interview mit The Quietus sprach Jam Rostron darüber und beschrieb, wie durch das Experimentieren mit der Stimme ein Gefühl entstand, endlich hörbar und sichtbar zu werden. Wie absurd wäre es, von außen zu sagen: Nein, deine Stimme davor war echter?

Ich habe diese Stimmen vorher anders gehört

Seit diesem Panel höre ich bestimmte Artists tatsächlich anders. Bei Fever Ray habe ich früher vor allem die verfremdete Stimme wahrgenommen. Heute höre ich stärker, wie Karin Dreijer mit genau den Erwartungen spielt, die ich selbst lange mitgebracht habe. Eine Stimme wird tief, brüchig, schwer einzuordnen. Und plötzlich merke ich, wie sehr mein Kopf versucht, daraus sofort ein Geschlecht zu machen.

Bei Laura Les von 100 gecs spielte Dysphorie eine Rolle beim Hochpitchen der Stimme. In einem Interview mit Them erklärte Laura Les 2019, die eigene unveränderte Stimme meist nicht anhören zu können. Die hochgepitchten Vocals ermöglichten es Laura Les damals, überhaupt aufzunehmen und mit dem Klang zufrieden zu sein.

Früher hätte ich vielleicht gedacht: schade, dass man die echte Stimme kaum noch hört. Heute denke ich: Vielleicht höre ich sie gerade deshalb.

Auch Dorian Electra erscheint mir inzwischen anders. Die verschiedenen Stimmen wirken auf mich fast wie unterschiedliche Kostüme, die angezogen und wieder abgelegt werden können. Mal maskulin überzeichnet, mal künstlich hoch, mal komplett drüber. Warum sollte eine Person überhaupt nur eine Stimme haben müssen?

Ich habe Bearbeitung lange als Entfernung vom Original gehört. Heute kann ich sie auch als Annäherung hören. Das heißt nicht, dass ich deshalb plötzlich jeden Auto-Tune-Effekt toll finde. Es gibt Songs, bei denen mich das Zeug immer noch nervt. Eine ästhetische Entscheidung darf ich weiterhin schrecklich finden. Geschmäcker müssen nicht durch ein Awareness-Training. Aber ich möchte einer Person nicht mehr erklären, ihre technisch veränderte Stimme sei weniger authentisch.

Meine Stimme gehört mir

Vielleicht trifft mich das Thema auch deshalb, weil wir als queere Menschen ziemlich genau wissen, wie es sich anfühlt, wenn andere glauben, über unsere Identität besser Bescheid zu wissen als wir selbst. Wie wir aussehen sollten. Wie wir uns nennen. Wen wir lieben. Was feminin genug ist, was zu männlich wirkt und in welche Schublade wir bitte passen sollen, damit der Rest der Welt es möglichst einfach hat.

Und ausgerechnet bei der Stimme sollen wir sagen: Die hat dein Körper nun einmal so gebaut, damit musst du dich identifizieren? Nö.

Wenn jemand einen Pitch-Regler braucht, um die eigene Stimme zu finden, dann wird eben gedreht. Wenn Auto-Tune eine Stimme schafft, in der sich ein Mensch endlich wiedererkennt, ist sie deswegen nicht weniger echt. Und wenn ein*e Artist*in die eigene Stimme so lange durch Software jagt, bis jede eindeutige Geschlechtszuordnung daran abperlt, möchte ich inzwischen eher wissen, was damit erzählt wird.

Am Gespräch zwischen Planningtorock und LIE NING mochte ich auch, dass ich mit einer ziemlich festen Meinung hineinging und hinterher feststellen musste: Da war mein Blick verdammt eng.

Seitdem frage ich bei einer stark bearbeiteten Stimme nicht mehr zuerst: Warum klingt die Person nicht einfach so, wie sie wirklich klingt? Vielleicht tut sie das längst.

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